Ein britisches Fernsehprojekt hat unter dem Namen «Segrilife» ein fiktives Heim für Menschen mit Behinderungen errichtet und ahnungslose Besucher durch die Anlage führen lassen. Das Experiment, das in der Dokumentation «The Experiment» auf Channel 4 ausgestrahlt wird, zeigt nach Berichten von watson.ch, wie bereitwillig eine Gesellschaft segregierende Konzepte akzeptiert, wenn sie als kostensparende Fürsorge daherkommen.
Mitglieder der Öffentlichkeit, die von einem Kamerateam begleitet wurden, reagierten auf die inszenierte Einrichtung überwiegend mit Verständnis. Erst im Verlauf der Führung bröckelte die Fassade.
Wer steckt hinter Segrilife?
Die Macher sind Mat Fraser, britischer Schauspieler und Autor, der selbst mit einer Behinderung lebt, und Sophie Morgan, britische Moderatorin und Aktivistin für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Beide haben das Haus erfunden, eingerichtet und mit Schauspielerinnen mit Behinderungen oder Neurodivergenz besetzt. Auch das Pflegepersonal und die Kommunikationsverantwortliche spielten Rollen. Poster und Werbefilm der Einrichtung wurden mit Künstlicher Intelligenz erstellt.
Die Frage, die Fraser und Morgan stellen, lautet: Ist es möglich, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass Menschen mit Behinderungen abgesondert von der übrigen Bevölkerung leben sollten? Der erfundene Name Segrilife deutet die Antwort an. Die Prämisse der Anlage: Menschen mit Behinderungen seien anders und verursachten dem System Kosten.
Wie die Besucher reagierten
Die PR-Figur begrüsste die Gäste am Empfang mit der Formel «zu ihrem eigenen Wohl und dem aller anderen». Sie pries Segrilife als effiziente Antwort auf die Pflegekrise in Grossbritannien. Menschen mit Behinderungen kosteten schliesslich viel; hier, unter einem Dach betreut, hätten sie einen sicheren, ruhigen Platz.
Im Workshop fädeln die Bewohner Perlen auf. Wer fleissig ist, kann sich vom verdienten Batzen Süssigkeiten kaufen. Eine Bewohnerin sagt: «Früher war ich im Marketing, ich weiss gar nicht, was ich hier mache.» Auf einem fertigen Armband steht zwischen funkelnden Steinchen: «Send help.»
Das Schlafzimmer nennen die Betreiber «The Nest». Darin stehen nebeneinander gereihte Metallbetten, Schliessfächer mit Zahlen statt Namen, Kameras an der Decke. Eine Besucherin findet das «so cute». Eine andere fragt, warum es keine Einzelzimmer gibt, und erhält erneut die Kostensparrechnung vorgeführt.
Im Zukunftsraum erklärt die PR-Figur, man bespreche hier mit den Bewohnerinnen Geburtenkontrolle, damit sie die «einzig verantwortliche Wahl» für ihre Zukunft treffen könnten: Sterilisation. Eine Besucherin fragt: «Ist das legal?» Ein Lehrer, der die Führung besucht, antwortet: «Das ist Eugenik.»
Er sagt am Ende der Tour, wie watson.ch/ berichtet: «Wenn sowas heute legal ist, sind wir in Gefahr.» Er war einer der wenigen, die von Anfang an mit dem kämpften, was sie sahen. Eine Besucherin wird übel, eine zweite blass.
Der historische Hintergrund des Experiments
Fraser und Morgan haben Segrilife bewusst nach nationalsozialistischem Gedankengut ausgestaltet. Der Hintergrund: Das NS-Regime bezeichnete behinderte Menschen als «Ballastexistenzen» und «unnütze Esser». Schon ein halbes Jahr nach der Machtübernahme wurde 1933 das «Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses» verabschiedet, auf dessen Grundlage Hunderttausende zwangssterilisiert wurden.
Ab 1939 begannen die systematischen Tötungen. Hebammen und Ärzte mussten Neugeborene und Kleinkinder mit Behinderungen melden; sie kamen in «Kinderfachabteilungen», wo man sie mit Medikamenten ermordete oder verhungern liess. Kurz darauf startete die «Aktion T4»: Rund 70’000 Menschen wurden aufgrund körperlicher, geistiger oder seelischer Beeinträchtigungen aus Heil- und Pflegeeinrichtungen in insgesamt sechs Tötungsanstalten gebracht und dort vergast. Nach dem offiziellen Stopp 1941 ging das Morden verdeckt weiter, in den Einrichtungen selbst.
Eine dieser Tötungsanstalten war Schloss Hartheim bei Linz in Österreich. Fraser und Morgan haben den Ort für «The Experiment» besucht; heute ist er ein Museum, das den Opfern ein Gesicht zurückgeben will.
Warum die Debatte auch die Schweiz betrifft
Fraser und Morgan fürchten die Rätoric, mit der in Grossbritannien über Kürzungen bei Leistungen für Menschen mit Behinderungen debattiert wird. Massiver ökonomischer Druck und Diskriminierung seien die Folge für die Betroffenen. Denkt man diese Logik weiter, wird ihr Platz in der Gesellschaft fragwürdig, und man sortiert sie aus.
Die Schweiz kennt diese Versuchung aus eigener Geschichte. Die 1928 eingeführte kantonale Praxis der administrativen Versorgungen und die eidgenössische Sterilisationspraxis, die bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dokumentiert ist, zeigen, dass auch institutionell gefestigte Rechtsstaaten unter Kostendruck und autoritärer Fürsorge-Rhetorik Unrecht hervorbringen können. Das Bewusstsein dafür ist ein Gut, das gepflegt werden muss, nicht eine Selbstverständlichkeit.
Dabei gilt es zu unterscheiden: Sparsamkeit im Sozialwesen ist legitim und nötig, zumal für steuerzahlende Bürger und kleine Unternehmen. Nicht legitim ist, wenn die Rechnung bei den Schwächsten beginnt und die Würde des Menschen zum Kostenfaktor wird. Institutionen, die sich bewähren, verdienen Erhalt; wo Effizienz und Innovation die Versorgung verbessern, verdienen sie Unterstützung. Wo Sparen zur Aussonderung führt, endet der Konsens.
FAQ
Was ist Segrilife?
Segrilife ist ein fiktives Heim für Menschen mit Behinderungen, das Mat Fraser und Sophie Morgan für die Channel-4-Dokumentation «The Experiment» erschaffen haben. Bewohner und Personal wurden gespielt, Werbematerial mit KI erstellt.
Worum geht es in «The Experiment»?
Das Projekt prüft, ob sich die Gesellschaft von heute von segregierenden Konzepten für Menschen mit Behinderungen überzeugen lässt, wenn diese als kostensparende, fürsorgliche Lösung präsentiert werden.
Wo kann man «The Experiment» sehen?
Die Dokumentation läuft auf Channel 4. Wie watson.ch/ berichtet, ist sie von der Schweiz aus nicht abrufbar.