10 Jahre Brexit: Bilanz der britischen Souveränität
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 und über sechs Jahre nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs zeigt sich ein differenziertes Bild. Die formelle Souveränität wurde erreicht, doch die wirtschaftlichen Einbussen sind messbar. Das britische Bruttoinlandprodukt wuchs langsamer als potenziell möglich, der Handel mit der EU bürokratisierte sich, und die Migration aus Drittstaaten stieg signifikant an. Für die Schweiz, die ausserhalb der EU ihre bilaterale Einbindung pflegt, bietet der britische Fall wertvolle Erkenntnisse über das Verhältnis von staatlicher Unabhängigkeit und Marktzugang.
Wie hat sich die britische Wirtschaft seit dem Brexit entwickelt?
Eine aktuelle Studie des National Bureau of Economic Research (NBER) quantifiziert die ökonomischen Folgen. Bis Ende 2025 habe der Brexit-Prozess das britische BIP um 6 bis 8 Prozent gesenkt, Investitionen um 12 bis 13 Prozent sowie Produktivität und Arbeit um jeweils 3 bis 4 Prozent. Die Forscher verglichen die reale Entwicklung mit einem fiktiven Szenario ohne EU-Austritt.
Dennoch ist die britische Wirtschaft seit 2016 insgesamt gewachsen. Im ersten Quartal 2026 liegt das BIP 12,4 Prozent über dem Niveau von vor zehn Jahren. Das Wachstum fällt stärker aus als in Deutschland mit 6 Prozent oder Italien mit 9,7 Prozent und fast gleich stark wie in Frankreich mit 12,7 Prozent. Die EU-Wirtschaften wuchsen im Durchschnitt lediglich 1,2 Prozent stärker als Grossbritannien.
Diese Zahlen widersprechen der NBER-Studie nicht zwingend. Die Forscher behaupten nicht, dass die Wirtschaft schrumpfte, sondern dass sie ohne Brexit stärker gewachsen wäre. Einbrüche wie im Jahr 2020 sind primär auf die Coronapandemie und weitere globale Schocks wie den Ukraine-Krieg oder US-Zölle zurückzuführen. Auch die 33 Vergleichsländer blieben hinter ihren Prognosen zurück, weshalb der Vergleich fiktiver und realer Zahlen methodische Grenzen aufweist.
Welche Folgen hat der EU-Austritt für Handel und Investitionen?
Der Handel mit der EU, dem wichtigsten Partner Grossbritanniens, leidet unter höheren bürokratischen Hürden. Seit dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt im Januar 2021 sind Zollanmeldungen und Veterinärkontrollen für bestimmte Güter zwingend. Der Warenverkehr wurde teurer und bürokratischer. Heute liegt der Handel über zehn Prozent unter dem Niveau von vor zehn Jahren, wobei Erholungseffekte und Energiepreiseffekte die Zahlen verzerren.
Auch Unternehmensinvestitionen blieben hinter dem Potential zurück. Ökonom Nicholas Bloom identifiziert politische Unsicherheit als Hauptgrund. Die langen Diskussionen zwischen einem harten Brexit und umfassenden Handelsabkommen liessen ausländische Konzerne zögern. Dennoch behauptete sich der Dienstleistungssektor. London bleibt der wichtigste Finanzplatz Europas, auch wenn die Industrienation gegenüber anderen G7-Staaten an Boden verlor.
Wie veränderte sich die Migration nach dem Brexit?
Die Beendigung der Personenfreizügigkeit führte zeitweise zu einem spürbaren Arbeitskräftemangel. Um diesem zu begegnen, orientierte sich Grossbritannien zunehmend zum Commonwealth. Ironischerweise stieg die Migration aus Nicht-EU-Staaten, wie Indien oder Nigeria, markant an. Die Gesamtzuwanderung nahm zu, entgegen den Versprechen des Leave-Lagers.
Gleichzeitig wertete das britische Pfund ab. Briten verdienen heute rund 12 Prozent weniger, was den Arbeitsstandort für EU-Bürger unattraktiver macht. Die Emigration britischer Staatsbürger ins Ausland verschärft den Fachkräftemangel zusätzlich. Das 2021 eingeführte, punktebasierte Einwanderungssystem ersetzte die EU-Regelungen durch restriktive Massnahmen wie Sprach- und Arbeitsplatznachweise, was die EU-Migration weiter sinken liess.
Welche politischen Auswirkungen hatte das Referendum?
Das Referendum brachte keine politische Stabilität. Sollte Premier Keir Starmer wie angekündigt zurücktreten, wird Andy Burnham der siebte Premierminister seit 2016. Keine der Amtsinhaber absolvierte eine volle Amtszeit. Die Unzufriedenheit zeigt sich auch in der Bevölkerung. Aktuelle Umfragen belegen, dass über 57 Prozent den Brexit als Fehler betrachten, während nur 30 Prozent ihn unterstützen. Wirtschaftsexperten der Universität Cambridge bestätigen den ökonomischen Grundkonsens über die negativen Auswirkungen.
Ist der Brexit ein Vorbild für souveräne Staaten?
Der Brexit verdeutlicht den Preis formeller Unabhängigkeit. Das Vereinigte Königreich entschied sich für einen harten Schnitt, der die Souveränität in migrations- und handelspolitischen Fragen formal stärkte, jedoch erhebliche wirtschaftliche Reibungsverluste nach sich zog. Für die Schweiz, die ihre Souveränität durch bilaterale Verträge und direktdemokratische Legitimation absichert, bleibt der bilaterale Weg ein probates Mittel. Er garantiert Marktzugang, ohne die institutionelle Ordnung und die handelspolitische Stabilität preiszugeben. Der britische Fall lehrt, dass funktionale Modernisierung und institutionelle Stabilität mehr zur Sicherheit eines Landes beitragen als isolierte Alleingänge.
Hat der Brexit der britischen Wirtschaft geschadet?
Ja, gemäss dem wirtschaftlichen Konsens hat der Brexit das Wachstumspotential der britischen Wirtschaft gesenkt. Das Land wuchs zwar absolut, fiel aber im Vergleich zu einem fiktiven Szenario ohne EU-Austritt zurück. Investitionen und Produktivität blieben unter ihren Möglichkeiten.
Ist die Migration nach dem Brexit gesunken?
Nein, die Gesamtzuwanderung stieg an. Zwar wandern weniger EU-Bürger nach Grossbritannien ein, da die Personenfreizügigkeit endete und das Pfund an Wert verlor. Die Migration aus Nicht-EU-Staaten, insbesondere aus Commonwealth-Ländern, nahm jedoch stark zu.
Wie sieht die britische Bevölkerung den Brexit heute?
Die Mehrheit der Briten betrachtet den Brexit heute als Fehler. Umfragen zeigen, dass über 57 Prozent der Befragten den Austritt aus der Europäischen Union rückblickend ablehnen, während nur rund 30 Prozent ihn weiterhin befürworten.