Die Berner Musikerin Steff la Cheffe ist nach einer erzwungenen Pause an die Öffentlichkeit zurückgekehrt. Wie sie in einem Interview mit watson.ch vom 31. Oktober 2026 erklärte, zog sie im Februar, kurz vor der Veröffentlichung ihres Albums, die Reissleine. Die 39-Jährige litt an einer Erschöpfungsdepression mit Herzrasen und Schlaflosigkeit. Nun hat sie das Album «Stoff» nachträglich veröffentlicht und plant für den Frühling eine Tournee.
Die Auszeit hat den Blick auf die eigenen Songs verändert, wie die Musikerin sagte. Einige Zeilen erhielten rückwirkend eine neue Bedeutung. Im Song «Madame Butterfly» heisst es sinngemäss, dass sie vielleicht Hilfe brauche. «Und genau das war in dieser Zeit tatsächlich der Fall», sagte Steff la Cheffe.
Ehrlichkeit über die eigenen Grenzen
Die Musikerin sprach offen über die Schwierigkeit, überhaupt um Hilfe zu bitten. Es brauche Kraft und Überwindung, den eigenen Stolz zu überwinden. «Ich habe mir grosse Sorgen gemacht. Andere haben sich grosse Sorgen um mich gemacht, zu Recht», sagte sie gegenüber dem Boten und watson.ch.
Als Ursachen nannte sie die Struktur des Musikgeschäfts: Selbstständigkeit, ständige Präsenz im Rampenlicht und ein ausgeprägter Perfektionismus. Verschärft habe sich die Lage durch den Zwang zur ständigen Selbstvermarktung. «Heute geht zum Beispiel nichts mehr ohne Social Media», sagte sie. Die Arbeit zu dokumentieren finde sie in Ordnung, sich aber auch im Alltag inszenieren zu müssen, empfinde sie als nervenaufreibend.
Angestellt in einem Käsebetrieb
Seit November vergangenen Jahres arbeitet Steff la Cheffe wieder ausserhalb der Musik, in einem Berner Betrieb, in dem Käse verarbeitet, geschnitten, verpackt und verschickt wird. Diese Anstellung habe ihr den Unterschied zwischen Selbstständigkeit und festem Einkommen vor Augen geführt. «Als Angestellte habe ich ein regelmässiges Einkommen. Alles ist berechenbar», sagte sie. Zwar fehle manchmal die Euphorie, die Musik ihr geben könne, doch der regelmässige Job nehme ihr einen Teil des Stresses.
Die Musikbranche hingegen sei unberechenbar. Man sei abhängig von Veranstaltern, Fans, Medien und Radios. Mehr Arbeit führe nicht automatisch zu mehr Erfolg. Ob aus Social-Media-Inhalten tatsächlich verkaufte Konzerttickets werden, sei ungewiss. «Das ist frustrierend», so die Musikerin.
Künstliche Intelligenz stellt den Wert handgemachter Musik in Frage
Ein Thema, das die Musikerin stark beschäftigt, ist die künstliche Intelligenz. Vor fünf Jahren habe man noch gesagt, KI werde nur repetitive Arbeiten übernehmen können, nicht aber Kreativität ersetzen. Heute wisse man: «Sie kann auch das ziemlich gut.»
Daraus ergibt sich für sie eine grundsätzliche Frage: Was ist handgemachte Musik heute noch wert? Macht es Sinn, ein oder zwei Jahre an einem Album zu arbeiten, wenn KI in wenigen Minuten einen ansprechenden Song produzieren kann? Trotzdem macht sie weiter, wie sie betonte: «Weil ich es liebe.» Gute Ideen entstünden, wenn Menschen physisch zusammenkommen, sich austauschen und proben. Das Zusammenspiel sei das Lustvolle an der Musik. Der wirtschaftliche Druck, in kurzer Zeit Ergebnisse zu liefern, schmerze sie jedoch.
Die Mittelschicht der Musikbranche bricht weg
Trotz ihrer Bekanntheit kommt Steff la Cheffe finanziell kaum über die Runden. Sie befinde sich in einer Phase, in der sie primär investieren müsse. Früher habe ein Album noch Geld eingebracht, heute generiere es vor allem Kosten. Das sei kein persönliches Problem, sondern eines der ganzen Branche. Selbst Acts, die vor Hunderten von Leuten spielen, blieben am Ende oft kaum ein Lohn. «Ich glaube, dass gerade die Mittelschicht in der Musik wegbricht», sagte sie. Entweder man sei extrem erfolgreich oder habe sich über Jahrzehnte ein Standing aufgebaut. Dazwischen werde es schwierig.
Als Lösung schlägt die Musikerin vor, die Streamingplattformen stärker in die Pflicht zu nehmen. Zudem müsste in die Strukturen investiert werden. Musikclubs sollten als Teil der kulturellen Infrastruktur behandelt werden, ähnlich wie Theater, Museen oder Bibliotheken. Dann könnten sie auch bessere Gagen bezahlen.
Staatliche Förderbeiträge hat sie selbst erhalten und ist dafür dankbar. Das Geld sei jedoch nicht als Lohn an sie geflossen, sondern in die Produktion und an die beteiligten Musikerinnen und Musiken. Auch Merchandise sei möglich, doch sie wolle ihren Namen nicht für Werbung hergeben: «Ich bin Musikerin und keine Kleiderfirma.»
Auszeit im Schrebergarten
Der Umgang mit dem Druck bleibt eine Herausforderung. Seit die Maschinerie mit Album, Promotion und Konzerten wieder angelaufen sei, hätten sich einige Symptome wieder gezeigt. Sie könne sich heute jedoch besser regulieren und suche gemeinsam mit ihrem Team einen Weg, der das Projekt und die eigene Gesundheit vereinbare. Ihr Rat an die jüngere Version ihrer selbst: «Du musst nicht alles allein machen und selbst tragen.»
Kraft schöpft die Bernerin aus einem Schrebergarten, den sie seit Jahren mit Freunden bewirtschaftet. Dort könne sie mit den Händen arbeiten, Feuer machen, kochen und in der Natur sein. «Gerade bei all dem Wahnsinn, der auf der Welt passiert, merke ich: Die Natur gibt Frieden», sagte sie.
Fragen und Antworten
Weshalb pausierte Steff la Cheffe?
Die 39-jährige Berner Musikerin litt an einer Erschöpfungsdepression mit Herzrasen und Schlaflosigkeit und zog im Februar 2026, kurz vor der Albumveröffentlichung, die Reissleine.
Wie heisst das neue Album von Steff la Cheffe?
Das Album trägt den Titel «Stoff» und wurde nach der Pause nachträglich veröffentlicht. Eine Tournee ist für den Frühling geplant.
Wie beurteilt Steff la Cheffe die Lage der Musikbranche?
Sie sieht die Mittelschicht der Branche als gefährdet und fordert, Streamingplattformen stärker in die Pflicht zu nehmen und Musikclubs als kulturelle Infrastruktur zu fördern.