Selbstvernichtung der Tigermücke: Tessiner Forscher setzen auf sterile Männchen
Die Asiatische Tigermücke breitet sich in der Schweiz zunehmend aus. In Mendrisio testen Forscher der Fachhochschule der italienischen Schweiz (Supsi) ein Verfahren, das auf die Freisetzung sterilisierter Männchen setzt. Ziel ist es, die Population dieser potenziell gefährlichen Insekten nachhaltig zu reduzieren.
Wie funktioniert die Sterile-Insekten-Technik?
Die Methode, auch Selbstvernichtungsverfahren genannt, basiert auf einem einfachen Prinzip: Männliche Tigermücken werden im Labor mit Röntgenstrahlen sterilisiert. Treffen sie in der Natur auf ein Weibchen, paaren sie sich. Das Weibchen legt zwar weiterhin Eier, aus denen schlüpfen jedoch keine Larven. „Je mehr sterilisierte Männchen wir freilassen, desto mehr sind die Weibchen abgelenkt und gestresst“, erklärt Diego Parrondo, Forscher an der Supsi. „Sie finden weniger Zeit zum Stechen und sterben früher.“
Die sterilisierten Männchen werden in einem Biolabor in Bologna produziert. Die Kosten betragen 0,018 Cent pro Stück. Zweimal pro Woche werden 20'000 Tiere nach Mendrisio geliefert. Dort setzt das Team sie innerhalb eines Radius von 200 Metern frei. Die Männchen leben nur drei Tage und fliegen durchschnittlich 100 Meter weit.
Welche Erfolge wurden bisher erzielt?
In der Versuchszone in Mendrisio finden die Forscher dreimal weniger Weibchen als ausserhalb. Zudem sind nur 40 Prozent der Eier befruchtet. Frühere Versuche an anderen Orten im Tessin zeigten ähnliche Ergebnisse. Eine Ausnahme war Ascona, wo Feriengäste die Bekämpfung erschwerten.
„Die Freisetzung sterilisierter Männchen ist das Tüpfelchen auf dem i“, sagt Parrondo. „Sie wirkt nur, wenn Behörden und Bevölkerung mitmachen und aktiv Brutstätten beseitigen.“ Dazu gehört, stehendes Wasser zu vermeiden, Regenrinnen zu reinigen und Regentonnen hermetisch zu verschliessen.
Warum ist die Tigermücke gefährlich?
Die Asiatische Tigermücke sticht anders als heimische Mücken auch tagsüber. Sie kann tropische Krankheiten wie Dengue-Fieber und das Chikungunya-Virus übertragen. Letztes Jahr registrierte das Bundesamt für Gesundheit 119 Fälle von Chikungunya und 187 Fälle von Dengue in der Schweiz. In allen Fällen wurden die Krankheiten aus dem Ausland eingeschleppt. Zu einer lokalen Übertragung kam es bisher nicht.
Eleonora Flacio, die das Tessiner Forschungsprojekt leitet, warnt: „In den nächsten Jahren wird sich die Tigermücke in der ganzen Schweiz etablieren.“ Flächendeckend verbreitet ist sie bereits im Tessin, in Genf, im Grossraum Basel und im Unterwallis.
Wie geht es weiter?
Die Supsi plant in Mendrisio den Bau einer Biofabrik, die bis zu fünf Millionen sterilisierte Männchen pro Woche produzieren kann. Ein Grundstück ist bereits gefunden. Frühestens 2029 könnte die Produktion starten. Die Kosten sollen auf einen Zehntel des heutigen Preises sinken. „Wir sind nicht gewinnorientiert“, betont Flacio. Nur so könnten weitere Gemeinden dem Beispiel von Mendrisio folgen.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zur Tigermückenbekämpfung
Kann sich die Tigermücke auch in der Deutschschweiz ausbreiten?
Ja. Die Art ist bereits in Basel und im Unterwallis etabliert. Experten rechnen mit einer weiteren Ausbreitung in den nächsten Jahren.
Sind chemische Insektizide die Lösung?
Nein. Der Einsatz von Insektiziden gilt als Ultima Ratio. Die Sterile-Insekten-Technik ist eine umweltfreundliche Alternative.
Was kann jeder Einzelne tun?
Brutstätten vermeiden: Stehendes Wasser auf Balkon und im Garten beseitigen, Regenrinnen reinigen, Regentonnen verschliessen.
Wann ist mit einer lokalen Übertragung von Dengue zu rechnen?
Das Risiko steigt mit der Grösse der Mückenpopulation. Je kleiner die Population, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer lokalen Ansteckung.