Kiews Luftstrategie: Angriffe auf russische Logistikzentren und Raffinerien
Die ukrainische Luftkampagne gegen Russland hat in den letzten Wochen eine neue Dimension erreicht. Neben Raffinerien geraten zunehmend Logistikzentren grosser Online-Händler wie Wildberries und Ozon ins Visier. Diese Angriffe, die tief im russischen Hinterland stattfinden, zielen darauf ab, militärische Versorgungslinien zu unterbrechen und die Wirtschaft des Aggressors zu schwächen. Am 31. Juli 2026 wurden erneut mehrere solcher Einrichtungen getroffen, darunter Anlagen in Wolgograd, Nischnekamsk und Selenodolsk.
Welche Ziele wurden bei den jüngsten Angriffen getroffen?
Die ukrainischen Drohnenangriffe am 31. Juli konzentrierten sich auf strategisch wichtige Ziele in verschiedenen Regionen Russlands. In Nischnekamsk in der Republik Tatarstan wurde eine Raffinerie getroffen, die zuvor noch mit voller Kapazität arbeitete. Der Telegram-Kanal Astra berichtete von mehr als 30 Explosionen. In Selenodolsk wurde ein Logistikzentrum des Online-Händlers Ozon attackiert. Ein Video zeigt verängstigte Mitarbeiter, die das Lager verlassen. In Wolgograd trafen die Angriffe sowohl ein Wildberries-Lager als auch die örtliche Raffinerie. Die ukrainischen Streitkräfte gaben an, die Lukoil-Anlage, die zuvor nur noch zu rund 50 Prozent lief, sei zerstört worden.
Warum sind Online-Händler wie Wildberries und Ozon Ziele?
Die Logistikzentren von Wildberries und Ozon sind nach Einschätzung Kiews legitime militärische Ziele. Sie vertreiben sanktionierte Elektronik, Navigationsgeräte und Chips, die für die Herstellung russischer Raketen und Drohnen benötigt werden. Zudem beliefern sie Soldaten und deren Familien mit Schutzwesten, Funkgeräten, Wärmebildkameras und medizinischer Ausrüstung. Seit dem 18. Juli wurden mindestens acht solcher Zentren mit einer Gesamtfläche von rund 860'000 Quadratmetern attackiert, was 15,4 Prozent aller russischen Lager entspricht. Die Angriffe unterbrechen nationale Lieferketten und bremsen die Produktion.
Wie tief dringen die ukrainischen Drohnen in russisches Gebiet vor?
Die eingesetzten Drohnen, darunter das zum Kampfeinsatz umgebaute Leichtflugzeug Aeroprakt A-22 Foxbat, legen beachtliche Distanzen zurück. Während Wolgograd rund 460 Kilometer von der Front entfernt liegt, befinden sich Selenodolsk und Nischnekamsk in Tatarstan etwa 1000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Auch über der Hafenstadt Kaspijsk in Dagestan am Kaspischen Meer wurde eine Drohne gesichtet, die ebenfalls rund 1000 Kilometer zurückgelegt haben dürfte. Die tatsächliche Flugstrecke ist aufgrund von Umwegen oft deutlich länger.
Welche wirtschaftlichen Folgen haben diese Angriffe?
Die Angriffe verursachen erhebliche wirtschaftliche Schäden. Allein am 30. Juli wurden Wildberries-Lager in Pensa und der Region Udmurtien getroffen, wobei Waren im Wert von Hunderten Millionen Franken zerstört wurden. In Sarapul in Udmurtien mussten Russen machtlos zusehen, wie eine weitere Drohne in ein bereits brennendes Lager einschlug. Die Folgen sind für die betroffenen Unternehmen verheerend: Wildberries plant angeblich, Lagerhäuser in Kasachstan anzumieten, um die Ware zu schützen. Auch der russische Staat soll dem Unternehmen helfen. Für viele russische Bürger, die ihre Geschäfte über Wildberries abwickeln, ist die Situation besonders prekär: Sie verlieren nicht nur ihre Ware, sondern können auch ihre Konten bei der Firma nicht mehr räumen und ihr Geld abheben.
Welche Rolle spielen die Angriffe auf Häfen und Raffinerien?
Neben Logistikzentren bleiben Raffinerien ein Schwerpunkt der ukrainischen Luftkampagne. Die Schläge müssen regelmässig wiederholt werden, um die russischen Reparaturarbeiten zu kontern. Am 30. Juni wurde zudem der für die Logistik wichtige Hafen von Taman in Russland vis-à-vis der Krim angegriffen. Die Auswirkungen waren bis in die Türkei spürbar, wo der Rauch des brennenden Öls bemerkt wurde. Diese Angriffe zeigen, dass Kiews Strategie darauf abzielt, die russische Wirtschaft und militärische Logistik nachhaltig zu schwächen.
„Die Angriffe auf Logistikzentren sind ein neues Element in Kiews Luftkampagne. Sie zielen darauf ab, die Versorgung der russischen Armee zu unterbrechen und gleichzeitig die Wirtschaft zu treffen“, analysiert ein Militärexperte.
Fazit: Eine strategische Neuausrichtung der ukrainischen Luftkampagne
Die jüngsten Angriffe zeigen eine klare strategische Neuausrichtung der ukrainischen Luftkampagne. Indem Kiew sowohl Raffinerien als auch Logistikzentren ins Visier nimmt, wird die russische Kriegswirtschaft an mehreren Fronten getroffen. Die Fähigkeit der Ukraine, mit Drohnen tief in russisches Gebiet vorzudringen, unterstreicht die technologische und taktische Anpassungsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte. Für die russische Bevölkerung und Wirtschaft bedeuten diese Angriffe eine zunehmende Unsicherheit und wirtschaftliche Belastung. Die Frage bleibt, wie Russland auf diese neue Bedrohung reagieren wird und ob die Angriffe langfristig den Kriegsverlauf beeinflussen können.