WM 2026: Brasilien setzt auf Ancelottis Strategie der Ruhe
Carlo Ancelotti führt Brasiliens Nationalmannschaft durch die WM 2026. Nach mässigen Vorrundenauftritten steht der Rekordweltmeister vor dem Fernduell mit Marokko um den Gruppensieg. Ancelottis Methode: methodische Arbeit statt emotionaler Überreaktion.
Die Ausgangslage: Ancelottis Auftrag bei der Seleção
Seit gut einem Jahr amtet Carlo Ancelotti als Nationaltrainer Brasiliens. Der Italiener übernahm die Seleção mit einem klar definierten Mandat: Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit soll geschlossen werden. 24 Jahre sind vergangen, seit Brasilien zuletzt den WM-Titel gewann. Die Erwartungshaltung im Land ist entsprechend hoch.
Ancelotti selbst bezeichnet den Posten als «Privileg». Der 67-Jährige wusste bei seinem Amtsantritt genau, welche Dimension die Aufgabe hat. Seine bisherige Bilanz bei der WM 2026 fällt indes nüchtern aus.
Stand der Vorrunde: Mässige Leistungsbilanz
Beim Auftakt gegen Marokko genügte es lediglich zu einem 1:1. Die eigene Leistung war schwach, der Gegner stark. Gegen Haiti folgte ein 3:0-Sieg, der der Favoritenrolle entsprach, aber keine darüber hinausgehenden Erkenntnisse lieferte.
In der Nacht auf Donnerstag steht das dritte Gruppenspiel an. Brasilien trifft in Miami auf Schottland. Parallel spielt Marokko gegen Haiti. Beide Spiele entscheiden über den Gruppensieg. Für Brasilien reicht ein Sieg gegen die leidenschaftlichen Schotten möglicherweise nicht, wenn Marokko gleichzeitig gegen Haiti gewinnt. Die Partie Brasilien gegen Schottland wird am Mittwoch ab 23:35 Uhr live auf SRF zwei übertragen. Das Parallelspiel Haiti gegen Marokko läuft auf SRF info.
Personelle Situation: Neymar vor dem ersten Einsatz
Carlo Ancelotti bestätigte, dass Neymar beim Duell mit Schottland erstmals bei dieser WM zum Einsatz kommt. Der Stürmer hat seine Wadenverletzung auskuriert. Neymar gehört neben Vinicius Junior zu den wenigen Spielern im aktuellen Kader, die an die Strahlkraft früherer Weltstars heranreichen. Raphinha fällt verletzt aus.
Die grössten Namen der jüngeren Vergangenheit sitzen bei dieser WM auf der Tribüne: Ronaldo, Ronaldinho, Kaka und Roberto Carlos, allesamt Weltmeister von 2002. An deren Klasse reicht der aktuelle Kader nicht heran. Das ist die strukturelle Realität, mit der Ancelotti arbeiten muss.
Ancelottis methodischer Ansatz: Nähe statt Distanz
Auf Klubebene hat Ancelotti gewonnen, was zu gewinnen ist: Meistertitel in Italien, England, Frankreich, Spanien und Deutschland sowie fünf Champions-League-Titel. Er trainierte den AC Milan, Chelsea, PSG, Real Madrid und Bayern München.
Bemerkenswerter als die Titelliste ist jedoch das einhellige Lob seiner ehemaligen Spieler. Vinicius Junior, den Ancelotti bei Real Madrid erfolgreich betreute, bezeichnete ihn als den besten Coach, den er je hatte. Toni Kroos nannte die gemeinsame Zeit «überragend» und betonte, dass Ancelotti zwar die Entscheide treffe, aber auch die Meinung der Spieler einhole.
Diese Nähe zu den Profis ist kein Zufall, sondern Methode. Ancelotti hat wiederholt erklärt, wie wichtig ihm der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zu den Spielern ist. In einem Umfeld, das traditionell von Hysterie geprägt ist, setzt der Italiener auf Kontinuität und ruhige Arbeitsprozesse.
Warum bleibt Ancelotti trotz Kritik so gelassen?
Ancelotti hebt maximal die linke Augenbraue. Das ist die bekannteste Geste des Italieners. Gegenüber kritischen Journalistenfragen bleibt er sachlich. «Wir müssen ruhig bleiben und uns auf unsere Arbeit konzentrieren», lautet seine wiederkehrende Antwort auf die emotionale Debatte um die Seleção. Seine Erfahrung im Umgang mit Druck ist fundiert: Wer in Madrid, Mailand und München gearbeitet hat, kennt die Mechanismen medialer und öffentlicher Erwartungsdynamiken.
Was entscheidet das Fernduell mit Marokko?
Der Gruppensieg hängt vom direkten Vergleich und der Tordifferenz ab. Brasilien und Marokko trennen derzeit einen Punkt. Marokko spielt gegen den deutlichen Aussenseiter Haiti, während Brasilien gegen Schottland einen physisch und emotional anspruchsvollen Gegner trifft. Die Wahrscheinlichkeit, dass Marokko die Gruppe anführt, ist daher real.
Fazit: Die Bewährungsprobe
Ancelottis Mission bei Brasilien ist eine Frage des Managementanspruchs. Die strukturellen Defizite des Kaders lassen sich nicht durch taktische Massnahmen allein kompensieren. Was Ancelotti einbringen kann, ist methodische Stabilität: die Fähigkeit, unter Druck klare Entscheidungen zu treffen und die verfügbaren Ressourcen optimal einzusetzen. Gegen Schottland zeigt sich, ob diese Strategie der Ruhe in der Praxis trägt. Die WM 2026 ist für Brasilien weniger eine Frage des Talents als der institutionellen Konstanz.