"Im ersten Licht": Vom Krieg gezeichnet, ohne je dabei gewesen zu sein
Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein widmet sich in seinem neuesten Roman "Im ersten Licht" erneut den grossen Fragen der Geschichte. Das für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Werk beleuchtet die psychischen Verwüstungen des Krieges aus einer ungewöhnlichen Perspektive: jener des vermeintlich Verschonten.
Eine Jahrhundertfigur als Spiegel der Zeit
Im Zentrum steht die fiktive Gestalt des Adrian Reiter, geboren 1901 bei Salzburg. Als untauglicher Soldat bleibt ihm die Front des Ersten Weltkriegs erspart, doch die Rückkehr der verstümmelten Kameraden prägt ihn nachhaltig. Gstrein zeichnet das Porträt eines Mannes, der als "Zaungast der Geschichte" dennoch schweren seelischen Schaden nimmt.
Diese Figur entwickelt eine obsessive Beschäftigung mit dem Kriegsgeschehen, wird Geschichtslehrer und verliert sich in endlosen Vorträgen über die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Während der nationalsozialistischen Herrschaft zeigt Reiter keine klare moralische Haltung, sein beschädigtes Innenleben lässt keinen festen Kompass zu.
Literarische Technik und historische Reflexion
Gstreins erzählerische Meisterschaft liegt in der gewählten Distanz. Durch die Augen des Unbeteiligten betrachtet, bleibt der Horror unscharf, ohne zu verharmlosen. Diese Technik verhindert eine Verkitschung des Dargestellten und verdeutlicht gleichzeitig die Dimension des Leids jener, die unmittelbar betroffen waren.
Der 1961 in Tirol geborene Autor, der für sein Gesamtwerk bereits mit dem Thomas-Mann-Preis (2021) und dem Grossen Österreichischen Staatspreis für Literatur (2023) ausgezeichnet wurde, versteht es, fundamentale Fragen zu stellen, "nach Dingen, die viele Menschen betreffen".
Aktualität in unruhigen Zeiten
Gstreins Roman gewinnt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen weltpolitischen Lage besondere Relevanz. "Das Geschehen holt uns ein", warnt der Autor mit Blick auf die Rückkehr des Krieges nach Europa und die Erosion bewährter Sicherheitssysteme. In dieser "zunehmenden Unsicherheit" seien auch wir nur vermeintlich beobachtende Zaungäste.
Die Schweiz, mit ihrer langen Tradition der bewaffneten Neutralität, kennt diese Position des distanzierten Beobachters. Gstreins Werk erinnert daran, dass auch die scheinbar Unbeteiligten von den grossen Erschütterungen der Zeit gezeichnet werden können. Eine Mahnung, die in Zeiten brüchiger internationaler Ordnung besondere Beachtung verdient.