Adidas Tangzhuang-Jacke: Warum sie China spaltet
Auf TikTok wird sie als modischer Coup gefeiert, in China selbst entfacht sie hitzige Debatten: Eine Adidas-Jacke im traditionellen Tangzhuang-Stil hat einen Kulturkonflikt ausgelöst, der weit über Modefragen hinausgeht. Daran zeigt sich, wie komplex das Verhältnis zwischen kulturellem Erbe, historischer Erinnerung und kommerzieller Verwertung sein kann.
Historische Wurzeln der Kontroverse
Der Ursprung der Debatte liegt im Design der Jacke. Dieses orientiert sich am sogenannten Magua, einem Kleidungsstück, das ursprünglich von den Mandschu aus dem Nordosten Chinas getragen wurde. Die Mandschu begründeten die Qing-Dynastie, die China von 1644 bis 1911 regierte. Für viele der rund 91 Prozent Han-Chinesinnen und -Chinesen in der Bevölkerung ist diese Epoche alles andere als positiv besetzt.
Wie Will, Sprecher einer Sprach-Lern-App, in einem viralen Video erklärt, verbinden viele Han-Chinesinnen und -Chinesen die Qing-Zeit mit Zwang, kulturellem Bruch und nationaler Schwäche. Beim Yangzhou-Massaker starben Tausende Han-Menschen. Zudem erliessen die mandschurischen Herrscher strenge Vorschriften, die darauf abzielten, die kulturelle Identität der Han zu schwächen. So wurde ihnen etwa verboten, ihre eigene traditionelle Kleidung zu tragen.
Adidas reagiert auf die Kritik
Auf Anfrage äussert sich Oliver Brüggen, Pressesprecher von Adidas, zur Kontroverse. Man gehe als Unternehmen sehr sorgfältig mit der kulturellen Bedeutung und Relevanz für den chinesischen Markt um, schreibt er. Authentizität habe für die Marke höchste Priorität, ebenso die Einhaltung der kulturellen Designcodes. Ziel sei es, das kulturelle Konzept des Chinese New Year zu schützen und Vorfreude auf das nächste Neujahrsfest zu schaffen.
Hohe Nachfrage trotz Kritik
So umstritten die Jacke ist, so gross ist offenbar die Nachfrage. Das Modell, oft auch «Chinese New Year»-Jacke genannt, ist regelmässig ausverkauft. Je nach Markt und Resale-Plattform liegen die Preise deutlich über 100 Franken. Ein optisch ähnliches Modell kostet auf der Schweizer Adidas-Website 210 Franken.
Als die Jacke Anfang 2024 erstmals auf den Markt kam, war sie nur in China, Hongkong, Macau und Taiwan erhältlich. Einzelne User gaben an, extra dafür nach China gereist zu sein. Inzwischen sind die neuesten Modelle auch in Europa verfügbar. In der Schweiz war das Produkt über die Adidas-Apps erhältlich. Ein Restock ist laut Adidas für die kommende Saison vorerst nicht geplant. Die Nachfrage sei auch im Schweizer Markt analog zum gesamten europäischen Markt sehr hoch gewesen, teilt Brüggen mit. Treibend sei insbesondere die starke Präsenz in den sozialen Medien gewesen.
Der Trend «New Chinese Style»
CNN vermutet einen Zusammenhang mit einem generellen Trend rund um chinesische Kultur. Viele junge Menschen interessierten sich zunehmend für China, was sich auch an anderen Phänomenen zeige. Die Designhistorikerin Sarah Cheang vom Royal College of Art in Grossbritannien ordnet die Debatte ein: Die Jacke komme während des anhaltenden Aufstiegs des «New Chinese Style» auf den Markt, inmitten langjähriger Fragen dazu, wie sich moderne chinesische Identität über Mode ausdrücken lasse.
Kulturelle Aneignung oder Wertschätzung?
In den Kommentaren zu den Videos finden sich zahlreiche Stimmen, die die Jacke verteidigen. Eine Userin schreibt etwa, ihr chinesischer Han-Vater habe ihr eine mitgebracht, damit sie wieder zu ihren Wurzeln finde. Die Creatorin Xingya, eine Deutsche mit chinesischen Wurzeln, schwärmt regelmässig von der Jacke und besitzt sie in mehreren Farben.
Die Frage, ob man die Jacke tragen dürfe, gerade als Person ohne chinesischen Hintergrund, beantwortet Creatorin Yugene Lee mit einem klaren Ja. Es sei okay, die Jacke zu tragen. Sie sei Teil der chinesischen Geschichte, egal wie kompliziert diese sei.
Fazit: Identität im Spannungsfeld der Globalisierung
Der Streit um die Adidas-Jacke offenbart ein grundlegenderes Problem. Wer bestimmt, was als traditionell chinesisch gilt, und wer darf sich kultureller Symbole bedienen? In einer globalisierten Wirtschaft, in der multinationale Konzerne kulturelle Codes für kommerzielle Zwecke nutzen, verschärft sich diese Frage. Die Debatte erinnert daran, dass Mode nie nur Ästhetik ist. Sie ist auch Ausdruck von Macht, Geschichte und Identität. Für Konsumentinnen und Konsumenten stellt sich die Aufgabe, sich dieser Dimensionen bewusst zu sein, anstatt sich von Hype und Algorithmus allein leiten zu lassen.