Guardian-Liste: Die besten Romane der Weltliteratur
Der britische Guardian hat unter Einbezug von über 180 Literaturschaffenden ein Ranking der 100 bedeutendsten Romane aller Zeiten erstellt. Die Auswahl dokumentiert den westlichen Literaturkanon und wirft die Frage nach kultureller Kanonbildung auf.
Methodik und Entstehung der Liste
Literaturrankings sind notwendigerweise subjektiv. Dennoch hat der Guardian den Versuch unternommen, durch eine breit abgestützte Befragung von Autorinnen, Kritikern und Wissenschaftlern ein repräsentatives Bild zu zeichnen. Befragt wurden unter anderem Stephen King, Ian McEwan, Elif Shafak, Anne Enright und Salman Rushdie.
Die resultierende Liste umfasst nicht nur englischsprachige Werke, sondern berücksichtigt auch die deutsche und russische Literaturtradition. Schweizer Autorinnen und Autoren fehlen in der Top-100-Liste allerdings, was die Frage nach der Sichtbarkeit der vielsprachigen Schweizer Literatur im internationalen Diskurs aufwirft.
Die Top 10 im Überblick
Middlemarch, George Eliot (1871)
George Eliot, bürgerlich Mary Ann Evans, beschreibt in ihrem sechsten Roman das Leben in der englischen Provinz. Das Werk behandelt die grossen Themen der Zeit: Arbeit und Ehe, politische und technologische Veränderungen, Ehrgeiz und Egoismus. Sofort ein Bestseller, gilt Middlemarch bis heute als Klassiker der britischen Weltliteratur.
Menschenkind, Toni Morrison (1987)
Die US-amerikanische Nobelpreisträgerin von 1993 setzt sich in Beloved mit der Sklaverei nach dem amerikanischen Bürgerkrieg auseinander. Morrison selbst sprach von einem «erbitterten Kampf zwischen Erinnern und Vergessen».
Ulysses, James Joyce (1922)
Joyces Monumentalwerk erzählt einen Tag im Dubliner Leben und ist der bekannteste Vertreter der Bewusstseinsstrom-Technik, angelehnt an Homers Odyssee. Einer der anspruchsvollsten Romane der Literaturgeschichte.
Die Fahrt zum Leuchtturm, Virginia Woolf (1927)
Ebenfalls der Bewusstseinsstrom-Technik verpflichtet, begleitet Woolfs Roman die Familie Ramsay an zwei Tagen mit zehn Jahren Abstand. Kaum Dialoge, dafür intensive Perspektiven der Protagonisten.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Marcel Proust (1913 bis 1927)
Prousts fiktionale Autobiografie gilt nach Wortzahl als längster Roman aller Zeiten, veröffentlicht in sieben Teilen. Berühmt wurde der sogenannte «Madeleine-Effekt», der eine Sinneserfahrung beschreibt, welche eine Erinnerung auslöst.
Anna Karenina, Lew Tolstoi (1877)
Die monumentale Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Frau in der russischen Monarchie. Tolstoi selbst fand den Roman «abscheulich», die Leserschaft urteilte anders.
Krieg und Frieden, Lew Tolstoi (1869)
Tolstois zweiter Grossroman handelt von den napoleonischen Kriegen und gilt als historisches Zeugnis des Zarenreichs im frühen 19. Jahrhundert.
Jane Eyre, Charlotte Brontë (1847)
Unter dem Pseudonym Currer Bell publiziert, wurde Jane Eyre sofort ein Bestseller. Die innovative Ich-Erzählung begeistert bis heute.
Stolz und Vorurteil, Jane Austen (1813)
Der weltbekannte Liebesroman um Lizzy Bennet und Mr. Darcy geniesst bis heute Kultstatus und wurde zahlreich verfilmt.
Madame Bovary, Gustave Flaubert (1857)
Flauberts Werk über die tragische Arztgattin Emma Bovary sorgte bei Publikation für Aufsehen. Der Autor musste sich vor Gericht wegen «Verherrlichung des Ehebruchs» verantworten, wurde jedoch freigesprochen.
Kanon und kulturelles Erbe
Das Ranking des Guardian dokumentiert, welche Werke im westlichen Literaturbetrieb als kanonisch gelten. Es ist zugleich eine Einladung zur Lektüre, im Sinne von Henry David Thoreau: «Lies die besten Bücher zuerst, sonst hast du vielleicht gar nicht die Gelegenheit mehr, sie überhaupt zu lesen.»
Für die Schweiz stellt sich die Frage nach der eigenen literarischen Kanonbildung. Die vielsprachige Literaturlandschaft des Landes mit Autorinnen und Autoren wie Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller, Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt verdiente eine entsprechende Würdigung im internationalen Kontext. Die Pflege des literarischen Erbes ist auch eine Frage der kulturellen Souveränität.