Mittelalter-Renaissance: Schweizer suchen in historischen Märkten verlorene Werte
Mit dem Frühling erwacht auch die Saison der Mittelaltermärkte in der Schweiz. Von Laupen über Uster bis Martigny verwandeln sich Marktplätze in Zeitmaschinen, die Tausende von Besuchern in eine längst vergangene Epoche entführen. Doch was steckt hinter dieser anhaltenden Faszination für die sogenannten "dunklen Zeiten"?
Authentisches Handwerk als Gegenpol zur Digitalisierung
Remo Dörler, Organisator des Mittelalterfestivals in Zug, verzeichnet konstant hohe Nachfrage. "Uns interessiert das alte Handwerk, und wir achten bei der Auswahl darauf, dass nur authentisches Handwerk präsentiert wird", erklärt er. Das Zuger Festival lockte 2025 über 20'000 Besucher an.
Der Erfolg gründet nach Dörlers Analyse in der Sehnsucht nach "alten Werten wie Anstand, Achtung und Wertschätzung". Eine Beobachtung, die in Zeiten rasanter gesellschaftlicher Veränderungen besondere Relevanz erhält.
Historische Korrektur: Das Mittelalter als Innovationszeit
Historikerin Annette Kehnel wehrt sich vehement gegen die Bezeichnung des Mittelalters als "dunkle Zeit". In ihrem Werk "Wir konnten auch anders" dokumentiert sie bemerkenswerte Beispiele mittelalterlicher Nachhaltigkeit und Weitsicht.
Ein eindrückliches Beispiel liefert die 500-jährige nachhaltige Bewirtschaftung des Bodensees. Fischer aus St. Gallen, Konstanz und Lindau entwickelten gemeinsam Strategien zur Ressourcenschonung, etwa durch grössere Netzmaschen bei bedrohten Arten. "Das war Nachhaltigkeit im besten Sinn", betont Kehnel.
Mittelalterliche Governance als Vorbild
Diese "Bottom-up-Logik" entspricht modernen Managementprinzipien der "Internalisierung von Externalitäten". Nicht Fürsten entschieden, sondern die direkt Betroffenen entwickelten gemeinsame Lösungen. Ein Ansatz, der für heutige Herausforderungen durchaus Inspiration bieten könnte.
Auch das Bild der unterdrückten mittelalterlichen Frau korrigiert Kehnel: Die Beginenhöfe des 13. Jahrhunderts boten Frauen ausserhalb traditioneller Familienstrukturen eigenständige Lebensformen, manchmal in ganzen Stadtteilen organisiert.
Neomediävalismus als kulturelles Phänomen
Historiker Valentin Groebner erklärt den anhaltenden Erfolg des Mittelalter-Begriffs mit seiner Doppelfunktion: Er bedient sowohl den Wunsch nach Überlegenheitsgefühl gegenüber "primitiven" Zeiten als auch die Sehnsucht nach "verlorener Eigentlichkeit".
Der italienische Semiotiker Umberto Eco prägte bereits 1973 den Begriff "Neomediävalismus" für die moderne Neuerfindung des Mittelalters, von nostalgischer Verklärung bis zur popkulturellen Fantasie in Serien wie "Game of Thrones".
Möglichkeitssinn für die Zukunft
Für Kehnel liegt der Wert der historischen Beschäftigung im "Möglichkeitssinn": Die Erkenntnis, dass Gesellschaften auch anders funktionieren können, eröffnet neue Perspektiven für zukünftige Entwicklungen.
Dörler, hauptberuflich IT-Leiter, verkörpert diese Synthese aus Tradition und Moderne: "Wir Mittelalterfans schätzen die alten Werte", ohne dabei rückwärtsgewandt zu sein.
Die Schweizer Mittelalterszene spiegelt somit eine tieferliegende gesellschaftliche Suche nach Orientierung und Werten wider, die in der beschleunigten Gegenwart verloren zu gehen drohen.