Fähndrich: Letzter Coup vor dem Karriereende
Nadine Fähndrich steht vor dem Abschluss einer bemerkenswerten Karriere. Die 30-jährige Langläuferin aus Eigenthal am Pilatus hat sich ein letztes grosses Ziel gesetzt: den Gewinn der Kristallkugel im Sprint-Gesamtweltcup. Am Samstag in Lake Placid bietet sich ihr die Chance, ihre Laufbahn mit diesem prestigeträchtigen Erfolg zu krönen.
Konsequenz als Markenzeichen
Die Luzernerin verkörpert jene Tugenden, die den Schweizer Sport seit jeher auszeichnen: akribische Arbeit, klare Zielsetzung und unbeugsamer Ehrgeiz. Nach der Enttäuschung im Sprint-Viertelfinal im Val di Fiemme hatte Fähndrich kategorisch ausgeschlossen, noch einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen. Das anschliessende Silber im Teamsprint mit Nadja Kälin brachte zwar Erlösung, doch der Entscheid stand fest: "Entweder ich gehe all in oder ich höre auf."
Diese kompromisslose Haltung spiegelt eine Mentalität wider, die in der Schweizer Sportlandschaft geschätzt wird. Fähndrich ist keine Frau für halbe Sachen, sondern eine Athletin, die zu ihren Entscheidungen steht und diese konsequent umsetzt.
Historische Bilanz einer Ausnahmeathletin
Mit sieben Weltcupsiegen, 28 Podestplätzen, drei WM-Medaillen und Olympia-Silber hat sich Fähndrich als erfolgreichste Schweizer Langläuferin der Geschichte etabliert. Einzig Dario Cologna, der vierfache Olympiasieger, überragt ihre Leistungen in der nationalen Hierarchie.
Besonders bemerkenswert ist ihre Konstanz im Teamsprint: Drei Medaillen bei Grossanlässen erreichte sie als Schlussläuferin mit drei verschiedenen Partnerinnen. 2021 in Oberstdorf mit Lauren van der Graaff, 2025 in Trondheim mit Anja Weber und schliesslich im Val di Fiemme mit Nadja Kälin.
Mut zu eigenen Wegen
Fähndrichs Erfolgsgeschichte ist auch eine Erzählung über Mut und Eigenständigkeit. Als sich Swiss-Ski von Trainer Ivan Hudac trennte, engagierte sie den Slowaken auf privater Basis weiter. Diese Entscheidung, gegen den Strom zu schwimmen, zahlte sich aus: Die erste WM-Medaille im Einzelsprint in Trondheim und der olympische Erfolg folgten.
Auch die Entscheidung, sich einer Herzoperation zu unterziehen, um eine kleine Unregelmässigkeit zu beheben, zeugt von ihrer professionellen Herangehensweise an den Sport.
Letzter Akt in Lake Placid
In der aktuellen Sprint-Gesamtwertung liegt Fähndrich 20 Punkte hinter der führenden Schwedin Maja Dahlqvist und acht Zähler hinter Johanna Hagström. Bei zehn Weltcups stand sie fünfmal auf dem Podest. Ein Sieg in Lake Placid würde ihr den lang ersehnten Triumph in der kleinen Kristallkugel bescheren.
Druck verspürt die Zentralschweizerin nicht mehr. "Meine Entwicklung, was ich alles gelernt habe, das macht mich am meisten stolz", erklärt sie. Diese Gelassenheit ist das Resultat eines Reifeprozesses, der sie von einer zeitweise nervösen Nachwuchsathletin zu einer abgeklärten Spitzensportlerin formte.
Neue Horizonte
Nach über einem Jahrzehnt im Spitzensport wartet auf Fähndrich ein Sommer ohne Trainingscamp und Wettkampfstress. Mit ihrem Freund Elvis Fazliu, einem Basler mit kosovarischen Wurzeln, der sie seit fast zwölf Jahren begleitet, plant sie erstmals eine Reise nach Australien.
Der Sport wird dennoch wichtig bleiben: Thai-Boxen steht auf dem Programm, ebenso eine mögliche Trainertätigkeit. Die Familienplanung rückt ebenfalls in den Fokus. Ein Amt hat sie bereits übernommen: den Vorsitz im OK des traditionsreichen Langis-Sprints im Kanton Obwalden, wo ihr Skiclub Horw organisiert.
Am kommenden Ostersamstag wird Fähndrich dort ihren letzten Wettkampf bestreiten. Viele ehemalige Weggefährtinnen haben ihr Kommen angekündigt, darunter Laurien van der Graaff. Ein würdiger Abschluss für eine Ausnahmekarriere, die Schweizer Tugenden wie Fleiss, Beharrlichkeit und Bescheidenheit verkörpert.