111 Jahre alt: Das Lebensrezept der Hedwig Zaugg
Ein Jahrhundert im Wandel der Zeit
Hedwig Zaugg aus Huttwil BE hat das 111. Lebensjahr erreicht. Geboren mitten im Ersten Weltkrieg, ist sie heute die älteste in der Schweiz lebende Person. Ihr Leben spiegelt den Wandel einer Nation wider, von einfachen bäuerlichen Strukturen bis in die heutige Zeit. Ihr Geheimnis für ein langes Leben ist bemerkenswert bodenständig: Genügsamkeit, Familie und eine tiefe Verwurzelung in der Region.
Bäuerliche Wurzeln und handwerkliche Selbstständigkeit
Aufgewachsen ist Zaugg als jüngstes von vier Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof. Ihr Vater verdiente den Lebensunterhalt als Rechenmacher. Diese handwerkliche Prägung entspricht einem traditionellen Schweizer Ideal der Selbstständigkeit. «Mein Vater war gütig, konnte aber auch streng sein. Er war ein guter Handwerker und stellte fast alles, was wir brauchten, selbst her», erinnert sich Zaugg. Die frühe Kindheit war jedoch auch von historischen Zäsuren gezeichnet. Als sie drei Jahre alt war, starb ihre Mutter an der Spanischen Grippe. Der Vater und die Grosseltern übernahmen fortan die Verantwortung für den Familienhalt.
Kulturelles Erbe und regionale Verbundenheit
Eine prägende Figur war ihr Grossvater. «Er war immer fröhlich und sang gerne», erzählt sie. Diese Freude an der Musik hat sie geerbt. Mitten im Gespräch stimmt sie das Volkslied «Brienzer Buurli» aus dem Jahr 1880 an, fast ohne eine Strophe auszulassen. Musik spielt in ihrem Leben eine zentrale Rolle. Das berührendste Erlebnis ihrer Jugend war die Begegnung mit einem Grammophon beim Nachbarn, wo sie den Schlager «Es war einmal ein Musikus» hörte. Die Musik berührte sie derart, dass sie weinen musste und am liebsten den ganzen Tag zugehört hätte.
Familie als gesellschaftlicher Anker
Mit ihrem Mann Res, den sie als lebensfrohen Menschen beschreibt, gründete sie ihre eigene Familie. Heute ist sie Mutter von zwei Töchtern, Grossmutter von vier Enkeln und Urgrossmutter von sechs Urenkeln. Bis vor rund zehn Jahren lebte sie selbstständig. Ein Beckenbruch nach einem Unfall machte jedoch den Umzug ins Altersheim notwendig. Dort vermisst sie vor allem die eigenen Aktivitäten wie Backen, Kochen und Häkeln, Tätigkeiten, die ein Leben lang ihren Alltag strukturierten.
Das Fundament der Langlebigkeit
Auf die Frage nach dem Geheimnis ihres hohen Alters gibt Zaugg eine Antwort, die weit entfernt ist von modernen Lifestyle-Trends. «Wir haben einfach gelebt und das Leben genommen, wie es kommt. Wir hatten auch kein Geld, um uns alles Mögliche zu kaufen.» Die Basis ihres Lebens waren Genügsamkeit, harte Arbeit, familiärer Zusammenhalt und gutes Essen. Auch die Genetik spielt eine Rolle; ihr Vater wurde fast 100 Jahre alt. Zudem hielt sie sich bis ins hohe Alter mit regelmässigen Yoga-Übungen fit, was das Pflegepersonal bis heute beeindruckt. Ihr konkreter Rat an die Nachkommen ist ebenso schlicht wie praktisch: «Ich habe meinen Kindern immer gesagt, dass sie drei Baumnüsse am Tag essen sollen. Das ist auch gut fürs Gehirn.»
Fazit: Werte, die Bestand haben
Das Leben von Hedwig Zaugg ist mehr als eine statistische Kuriosität. Es ist ein Zeugnis von Werten, die in der heutigen Leistungsgesellschaft oft in den Hintergrund geraten. Bescheidenheit, familiäre Solidarität und handwerkliches Geschick bilden das Fundament, das Generationen vor uns getragen hat. In einer Zeit der ständigen Verfügbarkeit und des Überflusses erinnert ihre Lebensgeschichte an die Tugend der Genügsamkeit. Es sind genau diese bewährten Tugenden, die als stiller Kitt unserer Gesellschaft dienen und auch in Zukunft von Bedeutung bleiben.