Netflix Live-Spektakel: Ethische Grenzen im Streaming-Zeitalter
Die Live-Übertragung von Alex Honnolds Aufstieg am Taipei 101 ohne Sicherung stellt fundamentale Fragen zur Verantwortung von Medienunternehmen und den Grenzen der Unterhaltung. Netflix wagte mit «Skyscraper Live» ein Experiment, das weit über den Sport hinausgeht.
Kalkuliertes Risiko oder unverantwortliche Inszenierung?
Der zweite Anlauf war erfolgreich: Nach einer wetterbedingten Verschiebung kletterte der amerikanische Extremsportler Alex Honnold live vor einem Millionenpublikum die 508 Meter hohe Fassade des taiwanesischen Wolkenkratzers hinauf. Ohne Sicherung, ohne zweite Chance.
Die Übertragung begann unspektakulär. Ein Moderatorenteam erklärte die Verschiebung vom Vortag, verwies auf die verbesserten Wetterbedingungen. Dann folgte der direkte Einstieg: Honnold umarmte seine Frau, zog die Kletterschuhe an und begann den Aufstieg.
Die ersten Meter wirkten beiläufig. Der zweifache Familienvater bewegte sich kontrolliert, winkte den Passanten zu, lächelte. Doch bereits in geringer Höhe wäre ein Fehler fatal gewesen. Mit zunehmender Distanz zum Boden veränderte sich die Atmosphäre spürbar.
Mediale Verantwortung im Live-Zeitalter
Anders als bei seinem Oscar-prämierten Dokumentarfilm «Free Solo» über den El Capitan-Aufstieg wusste das Publikum diesmal nicht, ob Honnold überleben würde. Diese Ungewissheit transformierte die Übertragung von einer sportlichen Dokumentation zu einem ethischen Dilemma.
«Die Angst beim Klettern ist immer präsent», erklärte Honnold während der Übertragung. Seine Philosophie: «Das beste Mittel gegen die Angst ist vernünftiges Denken.» Für ihn überwiegt die Leidenschaft für das Klettern die Todesangst.
Doch Netflix teilte dieses Risiko mit dem globalen Publikum. Millionen Menschen wurden zu unfreiwilligen Zeugen einer Situation, die jederzeit kippen konnte. Die Frage nach der medialen Verantwortung drängte sich mit jedem Höhenmeter stärker auf.
Zwischen Sport und Sensationslust
Free-Solo-Kletterer gelten in der Szene nicht als leichtsinnig. Sie bereiten ihre Routen monatelang vor, analysieren jeden Griff. Das Risiko gilt als kalkuliert, auch wenn die Konsequenzen maximal sind.
«Skyscraper Live» war weder klassischer Sport noch reine Unterhaltung. Es fehlten die üblichen Distanz schaffenden Elemente: keine Medaillen, keine Zeremonie, kein Wettbewerb. Vor allem aber keine Sicherung.
Nach 90 Minuten erreichte Honnold erschöpft, aber unversehrt die Spitze des Taipei 101. Das Publikum war nervlich deutlich angespannter als der Protagonist selbst.
Testfall für die Streaming-Zukunft
Die Übertragung markiert einen Wendepunkt im Live-Entertainment. Seit Klettern olympisch ist, wurde der Sport visueller und fernsehtauglicher. Doch «Skyscraper Live» überschritt eine unsichtbare Grenze zwischen kalkulierter Unterhaltung und dem Spiel mit Leben und Tod.
Die zentrale Frage bleibt: Darf ein Medienunternehmen Momente übertragen, in denen Menschen sterben könnten? Und was geschieht, wenn genau das passiert?
Ob Netflix und andere Anbieter solche Formate künftig wiederholen werden, ist offen. Sicher ist: Die Grenzen des Live-Entertainments wurden neu definiert. Nach dieser Nacht lässt sich kaum behaupten, man habe schon alles gesehen.
Das Experiment wirft grundlegende Fragen zur Verantwortung von Streaming-Plattformen und den ethischen Grenzen der Unterhaltungsindustrie auf. In einer Zeit, in der Live-Content immer wichtiger wird, müssen diese Diskussionen geführt werden, bevor weitere Grenzen überschritten werden.