Vom Teufelsbegleiter zum Kinderliebling: Der Wandel des Fledermaus-Images
An einem Sonntag herrscht Hochbetrieb in der Fledermaus-Notpflegestation im Zoo Zürich. Einmal monatlich werden hier unterernährte Findlinge aus dem Winterschlaf geweckt und öffentlich mit Mehlwürmern gefüttert. "Jöö, wie härzig", ruft ein kleiner Bub und drückt die Nase gegen die Scheibe.
Organisiert wird diese öffentliche Fütterung von der Stiftung Fledermausschutz, die derzeit die Veranstaltungsreihe "Ein Jahr im Zeichen der Fledermaus" durchführt. Eine Charmeoffensive, um die Sympathie für diese bedrohten Säugetiere zu steigern.
Jahrhundertelange kulturelle Stigmatisierung
Fledermäuse leiden seit jeher unter einem hartnäckigen kulturellen Stigma. Wer nachts geräuschlos unterwegs ist, im Dunkeln jagt und sich verkehrt in Bäume hängt, erweckt instinktiv Misstrauen. Die alten Römer nagelten Fledermäuse zur Abwehr dämonischer Einflüsse an Ställe. Der Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus bezeichnete sie um 780 als "Monster der Dunkelheit".
Die mittelalterliche Malerei verstärkte dieses negative Image, indem sie Dämonen und Teufelswesen mit Fledermausflügeln ausstattete. Doch bereits Kirchenvater Basilius der Grosse zeigte im 4. Jahrhundert Sympathie für ihr Sozialverhalten, insbesondere ihre Vorliebe, sich eng aneinander zu kuscheln.
Dracula und die Vampir-Legende
Eine nachhaltige Rufschädigung betrieb Bram Stoker 1897 mit seinem Roman "Dracula". Der transsilvanische Vampir, der sich in eine Fledermaus verwandeln kann, prägte das kollektive Gedächtnis nachhaltig. Dabei ernähren sich von weltweit rund 1400 Fledermausarten nur drei von tierischem Blut.
Die Filmindustrie des 20. Jahrhunderts nutzte diesen Vampirmythos ausgiebig. Von "Nosferatu" (1922) bis zu unzähligen Adaptionen verankerte sich das Bild der blutsaugenden Fledermaus. Gleichzeitig wurde sie in Batman (1939) zum Symbol eines Rächers für Recht und Ordnung.
Wandel durch Wissenschaft und Kinderliteratur
Das 20. Jahrhundert brachte eine Wende. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel machte 1974 mit seinem Aufsatz "What is it like to be a bat?" die Fledermaus zum Symbol für Fremdartigkeit und Subjektivität. Seine Schlussfolgerung: Objektive Wissenschaft kann die subjektive Perspektive nie vollständig erfassen.
Unerwartete Schützenhilfe erhielten Fledermäuse aus der Kinderliteratur. Bücher wie "Stellaluna" (1993) nutzen ihre Andersheit als Steilvorlage für Themen wie Toleranz und Identität. Gleichzeitig sensibilisieren sie für Umweltprobleme und Artenschutz.
Schweizer Artenschutz-Realität
Die Stiftung Fledermausschutz bildet schweizweit ehrenamtliche Mitarbeiter aus, die Findlinge aufpäppeln. Rund 70 Stellen beschäftigen sich mit Fledermausschutz und betreuen ein Nottelefon für verletzte Tiere. Von den 30 in der Schweiz heimischen Fledermausarten sind zwei Drittel akut bedroht.
Diese nachtaktiven Säugetiere leisten einen wichtigen Beitrag zur Schädlingsbekämpfung und ernähren sich ausschliesslich von Insekten. Ihr Lebensraum wird jedoch zusehends vom Menschen bedroht. 70 Prozent der Jungtiere überleben den ersten Winter nicht.
Fazit: Von der Dämonisierung zum Naturschutz
Die Fledermaus war vieles: Teufelsbegleiterin, blutrünstiger Vampir, Kunst-Objekt und Toleranz-Anwältin. Den Findlingen in der Notfallstation dürfte ihr Ruf gleichgültig sein. Am Ende sind Fledermäuse vor allem geschützte Säugetiere, deren Überleben von unserem Verständnis und Schutz abhängt.