Unruhen in Belfast: Alte Feindbilder und institutionelles Versagen
Gezielte Übergriffe und alltägliche Aggression
Die jüngsten Randalen in Belfast haben tiefe gesellschaftliche Risse offengelegt. Wie Betroffene berichten, richtet sich die Gewalt gezielt gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Mann, der unter dem Pseudonym P. auftritt, wagte sich am Donnerstag erstmals wieder zur Arbeit. Er mietete sich vorsichtshalber ein Hotelzimmer in der Innenstadt, da sein Wohnblock wegen seiner Hautfarbe attackiert wurde.
Mir wird hier öfter gesagt, ich solle dahin zurückgehen, wo ich herkomme.So schildert er die alltäglichen Anfeindungen.
Der junge Büroangestellte Jamie spricht von einer Grundaggressivität, die im Alltag allgegenwärtig sei. Nicht nur Nicht-Weisse geraten ins Visier, sondern jegliche Minderheiten. Er berichtet von einem Vorfall in einer Bar, wo er und ein Kollege mit antisemitischen und homophoben Beschimpfungen konfrontiert wurden. Solche verbalen Angriffe seien keine Seltenheit. Die Eskalation zu physischer Gewalt sei jedoch kein komplett neues Phänomen, da fast jährlich Ausschreitungen stattfinden, bei denen Agitatoren gezielt Stimmung machen.
Infrastruktureller Verfall und Politikverdrossenheit
Eine junge Frau aus dem protestantisch geprägten Ost-Belfast, wo die gröbsten Krawalle stattfanden, sieht die Ursachen primär in der Politik. Unter den Randalierenden herrsche eine feindselige Stimmung gegenüber Medienschaffenden, weshalb sie ihren Namen nicht nennen möchte.
Die Regierung hat uns komplett im Stich gelassen.Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Migrationspolitik, sondern vor allem gegen den Verfall der Infrastruktur und fehlende Zukunftsperspektiven für die Jugend. Die Regierung scheine sich nicht um die Belange der Bürger zu kümmern.
Die Brandstiftung an Häusern Unbeteiligter verurteilt sie jedoch klar. Im Gesundheitssektor, wo sie arbeitet, seien viele Migranten tätig. Man könne nicht alle über den gleichen Kamm scheren. Die Proteste werden ihrer Ansicht nach erst enden, wenn die Regierung handelt und Hilfe leistet.
Rassismus als Ausrede bei fehlendem Notstand
Eine andere Perspektive bieten Matthew, Daniel und Jack. Sie halten die Proteste schlicht für eine Ausrede, um offen rassistisch sein zu können. Uns Jungen geht es hier eigentlich nicht so schlecht, stellt Daniel klar. Die drei machen sich keine Sorgen um Jobaussichten. Die Ausschreitungen finden sie nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch schlicht störend, da am Mittwochabend Bars geschlossen bleiben mussten.
Das anhaltende Erbe der Troubles
Die regelmässigen Ausschreitungen stehen auch in einem historischen Kontext. Sie ereignen sich meist in den Wochen vor dem 12. Juli, an dem Protestanten mit Paraden Präsenz gegenüber den Katholiken zeigen. Die Spuren des über drei Jahrzehnte dauernden Nordirlandkonflikts, der durch das Karfreitagabkommen beigelegt wurde, schwingen weiterhin mit. Das zeigt sich laut den jungen Männern auch im Alltag. In ihrem Heimatort, einige Jahre nach dem Abkommen geboren, gebe es noch immer klare Grenzen zwischen katholischen und protestantischen Vierteln. In Belfast selbst sei diese Trennung noch deutlicher ausgeprägt.
Wie sehr die alten Feindbilder fortbestehen, zeigt ein Erlebnis aus ihrem Umfeld. Ein Freund wurde angegriffen, weil er ein Shirt des Glasgower Fussballclubs Celtic trug, der traditionell mit der katholischen und irisch-nationalistischen Gemeinschaft assoziiert wird. Nach den Ausschreitungen des vergangenen Jahres in ihrem Wohnort hoffen sie nun auf eine rasche Beruhigung der Lage.
Fazit: Handlungsfähige Institutionen als Garant für Ordnung
Die Ereignisse in Belfast sind eine Mahnung an den institutionalischen Zusammenhalt. Wenn staatliche Organe ihre Kernaufgaben vernachlässigen, Infrastruktur verfallen lassen und Sicherheit nicht gewährleisten können, entsteht ein Vakuum. Dieses füllen historische Risslinien und neue Formen der Intoleranz. Eine funktionierende Demokratie erfordert handlungsfähige Institutionen, die für Ordnung sorgen und funktionale Modernisierung vorantreiben, anstatt die Bürger sich selbst zu überlassen. Nur so lässt sich der soziale Frieden nachhaltig wahren.