Torjubel im Wandel: Vom Klatschen zur Markenbildung
Die Art und Weise, wie Fussballer Tore feiern, hat sich in acht Jahrzehnten vom schlichten Klatschen unter Teamkameraden zu einem Instrument der Selbstvermarktung und politischen Aussage entwickelt. Was einst eine spontane kollektive Geste war, ist heute oft inszeniert, rechtlich geschützt und kommerzialisiert. Die Entwicklung spiegelt einen breiteren gesellschaftlichen Wandel wider, bei dem Individualität und Markenbildung zunehmend den Vorrang vor Tradition und Gemeinschaft erhalten.
Wie der Torjubel nach dem Zweiten Weltkrieg aussah
In den Nachkriegsjahren beschränkte sich die Reaktion auf ein Tor auf das Wesentliche. Die Spieler klatschten sich untereinander ab und nahmen wieder Aufstellung. Nach dem Siegtor von Helmut Rahn beim Wunder von Bern an der WM 1954 gab es eine kurze Gruppenumarmung. Mehr nicht. Die Gemeinschaft stand im Vordergrund, nicht das Individuum.
Erstaunlich lange änderte sich daran wenig. Als Gerd Müller Deutschland 1974 in den WM-Final schoss, warfen sich seine Teamkollegen auf ihn. Für seine Ehefrau Uschi Müller war das eindeutig zu viel Körperkontakt. Ihre Reaktion:
Das ist ja widerlich, das ist dem Gerd bestimmt sehr peinlich.Die Moralvorstellungen jener Zeit unterscheiden sich deutlich von heutigen.
Warum Marco Tardelli 1982 einen Wendepunkt markiert
Mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er und 1970er Jahre wandelte sich auch der Fussball. Die Gesellschaft wurde freigeistiger und individueller, das Fernsehen trug das Seine dazu bei. Der Wendepunkt im Torjubel kam 1982. Im WM-Final zwischen Italien und Deutschland lief Marco Tardelli nach seinem 2:0 wie entfesselt über den Platz. Was heute kaum mehr auffallen würde, war damals eine Sensation. Sein Teamkollege Paolo Rossi staunte:
Nie zuvor habe ich jemanden so jubeln gesehen.Tardelli selbst beschrieb seinen Moment als Vulkanausbruch, nicht als geplante Geste. Dennoch steht er am Anfang einer neuen Epoche, in der der Jubel zum Erkennungszeichen wurde.
Was Roger Milla 1990 veränderte
Der englische Sportsoziologe Mark Turner stellt fest:
Mancher Jubel ist ikonischer als der Treffer selber.Niemand verkörpert diese Entwicklung mehr als Roger Milla. An der WM 1990 tanzte der damals 38-Jährige seinen Wakossa-Tanz an der Eckfahne. Wie seine Tore fielen, ist heute zweitrangig. Wichtig bleibt: Er jubelte so, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Milla machte den individuellen, spielerischen Jubel gesellschaftsfähig.
In der Folge entstanden weitere einprägsame Gesten. Der Brasilianer Bebeto wiegte 1994 seinen imaginären Säugling an der Seitenlinie. Jürgen Klinsmann warf sich beim ersten Treffer für Tottenham auf den Bauch, eine selbstironische Antwort auf den Vorwurf, er sei ein Schwalbenkönig, ein Diver. Also tauchte er buchstäblich.
Welche Schweizer Momente in Erinnerung bleiben
Auch Schweizer Spieler haben unvergessliche Jubelmomente geschaffen. Granit Xhaka liess bei einem Spiel gegen Bosnien die Worte
Schwatzt nurauf sich lesen. Alex Frei hingegen haute auf eine TV-Kamera und rief:
Das isch emol e Goal!Momente, die spontan wirkten und gerade deshalb in Erinnerung blieben. Sie stehen in einer Linie mit Brandi Chastain, die 1999 im schwarzen Sport-BH feierte, oder Mario Balotelli, der 2012 mit nacktem Oberkörper und angespannten Muskeln dastand.
Wie der Jubel zum werbewirksamen Produkt wurde
Gerade weil diese Momente beim Publikum so gut ankommen, entstand ein Zwang, speziell zu feiern. Die Selbstvermarktung trat neben den sportlichen Ausdruck. Gareth Bale versuchte 2013, seinen Herzchen-Jubel als Marke schützen zu lassen. Soziologe Turner dazu: Der Jubel sei zum modischen Accessoire und werbewirksamen Produkt geworden.
Inzwischen überlagern sich die Einflüsse aus Fussball, Computerspielen und Internet-Memes so rasch, dass die Herkunft kaum mehr nachvollziehbar ist. Früher wanderte der Jubel vom Feld ins Fussball-Game. Dann tauchte plötzlich der Jubel aus dem Ballerspiel auf dem Fussballfeld auf. Wer heute sofort weiss, ob erst das Meme existierte oder der Torjubel, darf sich Spezialist nennen.
Ein aktuelles Beispiel lieferte der Iraner Shoja Khalilzadeh, der mitten in einer Jubeltraube eine Sonnenbrille aufzog, wie sie sonst nur in Internet-Memes zu sehen ist. Der vermeintliche Siegtreffer gegen Ägypten wurde kurz darauf wegen Abseits aberkannt. Zudem sah Khalilzadeh Gelb, da Trikotausziehen und Gimmicks, die das Gesicht bedecken, weiterhin verboten sind. Ob seine Geste eine Antwort auf ein Meme von US-Präsident Donald Trump im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen den USA und dem Iran war, bleibt Spekulation.
Was der Wandel des Torjubels über die Gesellschaft aussagt
Die Entwicklung des Torjubels ist kein isoliertes Fussballphänomen. Sie spiegelt den Wandel von einer Gemeinschaftsgesellschaft zu einer Individualgesellschaft wider. Wo früher die kollektive Freude im Vordergrund stand, dominiert heute die persönliche Profilierung, oft kommerziell motiviert. Die Regeln des Spiels geben dabei den Rahmen vor, die Regeln des Marktes die Richtung. Die Frage, ob der Sport damit gewonnen hat, muss jeder für sich beantworten.
Warum ist der Torjubel heute oft inszeniert?
Weil Spieler ihre persönliche Marke aufbauen und feiern möchten, planen viele Torjubel im Voraus. Cristiano Ronaldos Jubelsprung ist ein bekanntes Beispiel für eine wiederholte, erkennbare Geste, die der Vermarktung dient.
Gibt es Regeln für Torjubel?
Ja. Das Fifa-Regelwerk verbietet unter anderem das Trikotausziehen und das Bedecken des Gesichts mit Masken oder Accessoires. Verstösse werden mit gelben Karten geahndet, wie das Beispiel von Shoja Khalilzadeh zeigt.