Norweger in Schweizer Haft: Geständnis und Justizkritik
Seit über einem Jahr sitzt ein norwegischer Staatsbürger in der Schweiz in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe: versuchter Mord an seiner Ehefrau. Nun äussert sich der Beschuldigte erstmals ausführlich. Er räumt Gewalt ein, bestreitet jedoch den Mordversuch und kritisiert die Dauer der Haft ohne Anklage scharf. Auch die norwegische Botschaft hat sich eingeschaltet.
Was geschah in der Tatnacht von Oberägeri?
In der Nacht auf den 2. Juli 2025 soll der damals 41-jährige Norweger seine Ehefrau in Oberägeri ZG tätlich angegriffen und erheblich verletzt haben. Auch eines der beiden Kinder erlitt leichte Verletzungen. Nach der Tat flüchtete der Mann mit dem Auto, verunfallte im Raum Biberbrugg SZ und wurde nach einer Grossfahndung Stunden später festgenommen.
Seine Ehefrau schildert dem norwegischen Sender TV2, ihr Mann habe sie während eines Streits mit einem Küchengegenstand geschlagen. Sie sei auf den Balkon geflüchtet, worauf Nachbarn die Polizei alarmierten. Die «Zuger Zeitung» berichtet, der mutmassliche Täter habe die Frau mit einem «Fleischhammer» verletzt.
Was sagt der Beschuldigte zu den Vorwürfen?
Der inzwischen 43-jährige Norweger lebt seit 19 Jahren in der Schweiz und arbeitete für einen global tätigen, börsenkotierten Konzern mit Sitz in Zug. Gegenüber TV2 spricht er erstmals ausführlich über die Tatnacht, seinen Alkohol- und Drogenkonsum.
«Ich habe im Prinzip täglich getrunken», sagt er. Zudem habe er in den vergangenen Jahren gelegentlich Kokain konsumiert. Auch in der Tatnacht stand er unter dem Einfluss von Alkohol und Kokain, habe kaum gegessen und während vier oder fünf Tagen fast nicht geschlafen. An die Ereignisse könne er sich nur bruchstückhaft erinnern.
Den zentralen Vorwurf der Staatsanwaltschaft, den versuchten Mord, bestreitet er entschieden. Dieser sei «lächerlich», sagt er. Dass er seine Frau geschlagen hat, räumt er dagegen ein: «Dass ich Gewalt gegen einen mir nahestehenden Menschen ausgeübt habe, hätte niemals passieren dürfen.» Er schäme sich dafür. Gleichzeitig hält er die strafrechtlichen Vorwürfe für unverhältnismässig und den Fall für «völlig überproportional aufgeblasen». Für die leichten Verletzungen seines Kindes will er nicht verantwortlich sein.
Warum kritisiert der Norweger die Schweizer Justiz?
Besonders scharf kritisiert der 43-Jährige seine inzwischen 13 Monate dauernde Haft. Nach seinen Angaben wurde eine Freilassung gegen Kaution wegen Fluchtgefahr abgelehnt. Er sitze ohne Urteil und ohne Anklageschrift im Gefängnis und wisse nicht, wann sein Fall vor Gericht komme. «Meine Rechtssicherheit als norwegischer Staatsbürger wird überhaupt nicht gewährleistet», zitiert ihn der Online-Beitrag des Senders.
Zuletzt sei er am 23. Januar zum Fall befragt worden. Seither habe er nach eigener Darstellung nichts mehr von der Staatsanwaltschaft gehört. TV2 hat die Vorwürfe nach eigenen Angaben mehrfach den zuständigen Schweizer Behörden vorgelegt. Die Staatsanwaltschaft wollte sich unter Verweis auf Amtsgeheimnis und Persönlichkeitsschutz nicht zum Verfahren äussern. Auch der Schweizer Anwalt des Norwegers wollte keine Stellung nehmen.
Wie reagieren die norwegischen Behörden?
Mittlerweile beschäftigt der Fall auch die norwegischen Behörden. Der Beschuldigte hat sich an die norwegische Botschaft in der Schweiz gewandt. Diese habe am 1. Juli ein Schreiben an die Schweizer Behörden geschickt und um eine zeitnahe Orientierung über den Stand des Verfahrens gebeten. Das norwegische Aussenministerium bestätigt gegenüber TV2, dass die Botschaft in Bern den Fall betreut.
Der Norweger bringt sogar eine mögliche Auslieferung nach Norwegen ins Spiel, sollte es keine zufriedenstellende Antwort der Schweizer Behörden geben.
Welche Haltung nimmt die Ehefrau ein?
Bemerkenswert ist die Haltung seiner Ehefrau. Sie sagt, sie habe das Spital nach dem Vorfall bereits nach einigen Stunden wieder verlassen können. In der Polizeimeldung vom 3. Juli 2025 heisst es, sie sei erheblich verletzt gewesen.
Nur neun Tage nach der Tat bat sie die Staatsanwaltschaft schriftlich darum, ihren Ehemann aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Sie bezeichnete ihn laut dem Sender als liebevollen Vater und Ehemann und den Gewaltausbruch als isoliertes Ereignis. Die «Zuger Zeitung» weist darauf hin, dass Opfer häuslicher Gewalt nicht selten im Nachhinein den Täter in Schutz nehmen.
Die Frau kritisiert, dass ihr Mann weiterhin in Haft sitzt und die Familie aus ihrer Sicht kaum Informationen über das Verfahren erhält.
Wie geht es mit dem Verfahren weiter?
Nach vier Monaten Untersuchungshaft wurde der Norweger ins Massnahmenzentrum St. Johannsen im Kanton Bern verlegt. Dort erhielt er während mehrerer Monate eine Behandlung wegen seiner Alkoholprobleme. Wann Anklage erhoben wird und wann der Fall vor Gericht kommt, ist derzeit offen, wie der norwegische Sender und die «Zuger Zeitung» übereinstimmend berichten.
Der Fall wirft grundlegende Fragen zur Dauer von Untersuchungshaft in der Schweiz auf. Für die betroffene Familie bedeutet die Situation eine anhaltende Belastung, die über den strafrechtlichen Aspekt hinausgeht. Die Schweizer Justiz steht vor der Herausforderung, einerseits die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten und andererseits die Verfahrensrechte des Beschuldigten zu wahren. Die kommenden Entscheide werden zeigen, ob das Verfahren zu einem raschen und rechtsstaatlich korrekten Abschluss kommt.