Lawinenchaos im Wallis: Evakuierungen und Verkehrskollaps bei Gefahrenstufe 5
Die Schweizer Alpen erleben eine der kritischsten Lawinensituationen der vergangenen Jahre. Das Wallis steht besonders im Fokus: Mehrere Täler sind vollständig abgeschnitten, 50 Personen mussten evakuiert werden, und erstmals seit langem gilt die höchste Gefahrenstufe 5.
Verkehrsnetz im Wallis zusammengebrochen
Die Infrastruktur des Kantons ist schwer getroffen. Im Goms ist die Verbindung zwischen Niederwald und Obergesteln unterbrochen, die Matterhorn-Gotthard-Bahn hat den Betrieb eingestellt. Der strategisch wichtige Autoverlad zwischen Realp und Oberwald ruht ebenfalls.
Besonders dramatisch ist die Lage im Saastal: Die Kantonsstrasse zwischen Saas-Balen und Stalden bleibt seit Montagabend gesperrt. Damit sind sämtliche Ortschaften ab Saas-Balen, einschliesslich des Tourismusorts Saas-Fee, von der Aussenwelt abgeschnitten. Auch das Lötschental ist nicht erreichbar.
Präventive Evakuierung in Orsières
In der Walliser Gemeinde Orsières zeigen die Behörden Entschlossenheit: 50 Personen mussten ihre Häuser verlassen. Betroffen sind Gebäude in La Fouly sowie die Weiler Le Clou, Les Granges und das Dorf Ferret. Die Massnahme gilt bis mindestens Mittwochmorgen.
"Alle Personen konnten erreicht und andernorts untergebracht werden", meldet die Gemeinde. Nur wenige Gebäude befinden sich in der kritischen roten Zone. Etwa 30 betroffene Gebäude im oberen Tal sind ohnehin winterlich unzugänglich.
Zugsentgleisung bei Goppenstein fordert Verletzte
Die Gefahr ist real: Bei Goppenstein führte eine Lawine zur Entgleisung eines Zuges mit 29 Personen an Bord. Fünf Menschen wurden verletzt. Schneemassen blockierten mutmasslich die Gleise am Ausgang der Stockgalerie.
Die BLS rechnet mit einer Sperrung der Strecke zwischen Goppenstein und Brig bis Samstagmorgen. Ersatzbusse verkehren im dichten Schneegestöber.
Tragödie bei Davos: Zwölfter Lawinentote
Die Saison fordert weitere Opfer: Ein 38-jähriger Snowboarder starb am Sonntag bei Davos, verschüttet von einer Lawine unterhalb des Schwarzhorns. Trotz sofortiger Rettungsmassnahmen durch 16 Mitarbeitende der Sportbahnen, SAC-Bergretter mit Lawinenhunden und die Rega konnte nur noch der Tod festgestellt werden.
Es ist bereits der zwölfte Lawinentote dieser Wintersaison, wie das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung verzeichnet.
Experten warnen vor weiteren Evakuierungen
Pascal Stoebener, Ingenieur Naturgefahren im Unterwallis, zeichnet ein klares Bild: "Praktisch im ganzen Kantonsgebiet gilt Lawinenwarnstufe 4 von 5. Wir erwarten weitere grosse Lawinen."
Der Experte rechnet mit zusätzlichen Evakuierungen kleinerer Dörfer und Strassensperrungen, besonders exponierter Verbindungen im Goms. Die Situation trete etwa alle zwei bis drei Jahre auf, sei aber dennoch ernst zu nehmen.
Höchste Gefahrenstufe für weite Teile des Wallis
Das WSL-Institut hat die Prognose verschärft: Für grosse Teile des Wallis gilt neu die höchste Gefahrenstufe 5. Viel Neuschnee und stürmische Winde haben zu kritischen Triebschneeansammlungen geführt.
Am Dienstag sinkt die Schneefallgrenze auf 500 bis 700 Meter, weitere Schneemassen sind zu erwarten. Erst am Dienstagabend sollen die Niederschläge nachlassen, doch die Situation bleibt laut SLF angespannt.
Bewährungsprobe für Schweizer Krisenmanagement
Die aktuelle Lage stellt das bewährte Schweizer System der Naturgefahrenprävention auf die Probe. Die koordinierten Evakuierungen und Sperrungen zeigen die Funktionsfähigkeit der regionalen Sicherheitsdienste.
Für die betroffenen Gemeinden bedeutet dies jedoch wirtschaftliche Einbussen, besonders in der touristisch wichtigen Wintersaison. Die Sperrung von Saas-Fee und anderen Destinationen trifft Hotellerie und Bergbahnen empfindlich.
Die kommenden Tage werden zeigen, ob sich die Lage entspannt oder weitere präventive Massnahmen notwendig werden. Die Schweizer Alpen stehen vor einer kritischen Phase, die Umsicht und Entschlossenheit aller Beteiligten erfordert.