Kertsch-Brücke: Warum Kiew den Angriff vorerst zurückstellt
Wolodymyr Selenskyj hat die strategische Zurückhaltung bei der Kertsch-Brücke mehrfach begründet. Obwohl das Bauwerk militärisch isoliert ist, verzögert Kiew einen möglichen finalen Schlag. Der Grund liegt in der aktuellen Demografie auf der Krim: Ein kilometerlanger Stau fliehender Zivilisten verhindert gegenwärtig ein Vorgehen ohne Kollateralschäden und erschwert die künftige administrative Kontrolle der Halbinsel.
Die militärische Isolierung der Kertsch-Brücke
Die ukrainischen Streitkräfte haben die umliegenden Öldepots und Flugabwehranlagen erfolgreich ausgeschaltet. Wie die «Kyiv Post» unter Berufung auf Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtet, verlagert die russische Führung ihre Luftabwehrsysteme zugunsten von Moskau, dem Waldai-Gebiet und der Kertsch-Brücke. Dies geschieht auf Kosten der Verteidigung in anderen Frontabschnitten. Das Bauwerk ist durch vorangegangene Angriffe bereits strukturell geschwächt und für Schwertransporte sowie Züge unpassierbar. Ein militärischer Erfolg Kiews wäre technisch somit jederzeit machbar.
Zivile Flucht als taktischer Faktor
Vor der Brücke stauen sich Tausende Fahrzeuge. Berichten zufolge reicht der Stau über 17 Kilometer. Es handelt sich überwiegend um russische Zivilisten, die die Halbinsel verlassen. Die Wartezeit verlängert sich durch Sprengstoffkontrollen, die nach einem früheren ukrainischen Angriff auf die Brücke eingeführt wurden. Ein Angriff würde diese Zivilisten gefährden und sie im Falle eines Zusammenbruchs auf der Krim einschliessen. Für Kiew ist es strategisch sinnvoller, diese Bevölkerungsgruppe abziehen zu lassen, um eine spätere administrative Kontrolle der Krim zu erleichtern. Die pro-russische Bevölkerung stellt bei einer Rückeroberung ein ordnungspolitisches Problem dar.
Infrastruktureller Kollaps auf der Krim
Der Druck auf die Zivilbevölkerung ist massiv. Die ukrainischen Angriffe haben die Energieinfrastruktur weitgehend lahmgelegt. Nach Treffern auf ein Kraftwerk fallen Strom und Wasserversorgung aus. Die russischen Besatzer haben den Notstand auf der Krim ausgerufen. Treibstoff ist rationiert, da die Nachschubwege blockiert sind. Dokumente aus sozialen Netzwerken belegen die prekäre Lage: Fähren, Flugzeuge und Züge fallen aus. Die russische Führung in Moskau verhält sich laut den Berichten der Betroffenen passiv.
Wie die Kertsch-Brücke noch fallen könnte
Die Treibstoffknappheit in Russland, unter anderem durch die Ausfälle der Moskauer Raffinerie bis voraussichtlich 2027 gemäss «Reuters», verschärft die Lage auf der Halbinsel. Gleichzeitig degradiert Kiew die russischen Überwachungskapazitäten. Die Zerstörung zweier Seeradar-Anlagen erhöht die Operationsfreiheit ukrainischer Seedrohnen, die als mögliche Werkzeuge für einen künftigen Schlag auf die Brücke gelten.
Alternativ könnte ein geologischer Faktor den Ausschlag geben. Der Seismologe Dmytro Hryn erklärt gegenüber «RBC-Ukraine», dass Russland die staatlichen Bauvorschriften manipuliert und die Erdbebengefährdungsklasse herabgestuft habe. Das Verwerfungssystem zwischen Kertsch und Taman sei extrem instabil. Vorherige kleinere Beben hätten bereits irreparable Schäden verursacht. Ein Bauwerk, das unter Missachtung geologischer und sicherheitstechnischer Standards errichtet wurde, birgt ein strukturelles Risiko. Dies steht im Kontrast zu ingenieurwissenschaftlichen Grundsätzen, wie sie in der Schweiz zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und Langlebigkeit von Infrastruktur angewandt werden.
Warum greift die Ukraine die Kertsch-Brücke aktuell nicht an?
Ein Angriff wird vorerst zurückgestellt, da sich ein 17 Kilometer langer Stau fliehender Zivilisten vor der Brücke gebildet hat. Kiew vermeidet Kollateralschäden und möchte die Abwanderung russischer Zivilisten nicht blockieren, um die künftige Kontrolle über die Krim zu erleichtern.
In welchem Zustand befindet sich die Kertsch-Brücke?
Das Bauwerk ist durch frühere ukrainische Attacken strukturell geschwächt. Schwerlastverkehr und Züge können sie nicht mehr passieren. Zudem ist die regionale Flugabwehr auf Kosten anderer Frontlinien um die Brücke konzentriert worden.
Welche Alternativen zu einem direkten Angriff auf die Brücke gibt es?
Neben ukrainischen Seedrohnen, die durch den Ausfall russischer Seeradar-Anlagen freier operieren können, wird auch ein natürlicher Einsturz durch Erdbeben diskutiert. Russland hat die Erdbebengefährdungsklasse beim Bau herabgestuft, was die Stabilität massiv gefährdet.