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Japan erwacht aus seiner pazifistischen Lethargie – und die Ukraine könnte der grösste Gewinner dieser historischen Wende sein.
Tokio/Kiew. Was noch vor wenigen Jahren undenkbar schien, nimmt zunehmend konkrete Formen an: Japan und die Ukraine vertiefen ihre militärische Kooperation in einem Ausmass, das Beobachter als eine neue, unwahrscheinliche Allianz bezeichnen. Wie der Bote berichtet, steht dabei ein möglicher Tauschhandel im Zentrum: ukrainische Drohnentechnologie gegen japanische Patriot-Luftabwehrsysteme.
Die Entwicklung ist insofern bemerkenswert, als Japan sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einer strikten pazifistischen Doktrin verschrieben hatte. Noch 2022, als Russland die Ukraine überfiel, beschränkte sich Tokio auf die Lieferung von Schutzwesten – ein Schritt, der international als halbherzig wahrgenommen wurde und Vergleiche mit der seinerzeit kritisierten „5000-Helme“-Debatte in Deutschland provozierte. Die strengen japanischen Regeln für Rüstungsexporte liessen damals kaum mehr zu.
Ein Kalkül mit mehreren Ebenen
Die Kehrtwende, die Tokio seither vollzogen hat, ist das Ergebnis eines nüchternen strategischen Kalküls. Das Land sieht sich in seiner eigenen Region wachsenden Bedrohungen gegenüber: China, Nordkorea und Russland bilden ein geopolitisches Umfeld, das die japanische Sicherheitsarchitektur grundlegend verändert hat. Die nationale Sicherheitsstrategie wurde daraufhin neu formuliert – mit der Folge, dass das Verteidigungsbudget auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts verdoppelt werden soll. Die aktuelle Regierung dürfte dieses Ziel früher erreichen als ursprünglich geplant.
Hinzu kommen schrittweise Lockerungen der Rüstungsexportbeschränkungen. Nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine hat Tokio vor Augen geführt, dass technologische Erfahrung im Gefecht durch nichts zu ersetzen ist. Die Ukraine gilt als eines der weltweit führenden Länder im Bereich neuer Kriegsführung – insbesondere bei Drohnen und elektronischer Kriegsführung. Japan will an diesem Wissen teilhaben.
Im Zentrum der aktuellen Gespräche steht der Kauf japanischer Abfangdrohnen des ukrainischen Herstellers Skyfall. Zugleich wird in Tokio geprüft, ob Patriot-Systeme an die Ukraine geliefert werden könnten. Diese werden vom japanischen Rüstungskonzern Mitsubishi Heavy Industries in Lizenz hergestellt. Ein einflussreicher japanischer Politiker erklärte bei einem Besuch in der Ukraine, eine solche Lieferung sei durchaus prüfenswert – wobei rechtliche und politische Hürden ebenso im Raum stehen wie strategische Bedenken. In Tokio fragt man sich durchaus, ob man sich inmitten der eigenen Bedrohungslage von eigenen Patriot-Beständen trennen möchte.
Die Rolle Nordkoreas
Ein treibendes Motiv für das japanische Interesse liegt in Nordkorea. Die Ukraine kann aus erster Hand berichten, welche Methoden die nordkoreanischen Soldaten an der Front in Russland anwenden und wie sie ausgerüstet sind. Diese Erkenntnisse sind für Japan, das sich selbst in Reichweite nordkoreanischer Waffen befindet, von erheblichem Wert. Das Argument, ein Sieg Russlands über die Ukraine könne China zu aggressiverem Vorgehen in der Region ermutigen, überzeugt in der japanischen Öffentlichkeit nicht durchweg. Ein direkter Nutzen in Form nachrichtendienstlicher Erkenntnisse über Pjöngjang klingt hingegen nach einem handfesten Vorteil.
Der Streit mit Seoul
Die Ukraine kann jeden Verbündeten gebrauchen. Seit Donald Trump in Washington regiert, sind die USA als verlässlicher Partner ausgefallen; Waffenlieferungen wurden gestrichen. Zugleich belastet ein akuter Konflikt mit Südkorea das Verhältnis: Die Ukraine hatte heimlich nordkoreanische Kriegsgefangene an Südkorea überstellt und dies anschliessend öffentlich gemacht. In Seoul führte dies zu einem Aufschrei, weil die eigene Glaubwürdigkeit gegenüber Nordkorea untergraben wurde. Die prekäre diplomatische Lage Kiews dürfte die Verhandlungsposition Tokios gestärkt haben.
Für die japanische Regierung ist ein weiterer Aspekt zentral: Sie muss jedes sicherheitspolitische Engagement der eigenen pazifistisch gesinnten Bevölkerung erklären. Ein Tauschgeschäft, das dem Land einen messbaren Nutzen bringt, lässt sich leichter vermitteln als eine rein altruistische Waffenlieferung.
Bruch mit Moskau
Die Kooperation mit Kiew hat aber auch ihren Preis. Tokio hatte über Jahrzehnte versucht, einen möglichst guten Draht zu Moskau zu halten, um die seit dem Zweiten Weltkrieg bestehenden Territorialstreitigkeiten um die Kurilen-Inseln zu klären. Eine enge Partnerschaft mit der Ukraine dürfte eine Einigung mit Russland auf absehbare Zeit verunmöglichen. Japan scheint dieses Risiko in Kauf zu nehmen – ein weiteres Indiz dafür, wie grundlegend sich die strategische Lage in Ostasien verändert hat.
Ob aus der Annäherung tatsächlich eine formelle Allianz wird, bleibt abzuwarten. Die Zeichen verdichten sich jedoch, dass Japan zu einem neuen Stabilitätsgaranten für die Ukraine werden könnte. Für die europäische Sicherheitsarchitektur wäre das eine bemerkenswerte Erweiterung des Unterstützerkreises. ZEIT ONLINE dokumentiert die Entwicklung im Kriegsverlauf laufend.