Luftkrieg in der Ukraine: Eskalation ohne Bodenoffensive
Im Ukraine-Krieg zeichnet sich eine neue Phase ab: Während die Frontlinien kaum Bewegung zeigen, eskaliert der Luftkrieg. Russland greift Kiew massiv mit ballistischen Raketen an, die Ukraine setzt auf eine Drohnenoffensive tief in russischem Gebiet. Militärhistoriker Markus Reisner analysiert die Strategien beider Seiten.
Warum bleibt die Front trotz heftiger Kämpfe stabil?
Im sogenannten Mittelabschnitt der Front toben schwere Gefechte um die Festungsstädte Kostjantyniwka, Druschkiwka, Kramatorsk und Slowjansk. Die russische Seite versucht, von Süden und Norden in diesen Festungsgürtel vorzustossen. Um Kostjantyniwka gibt es ein Ringen um die Deutungshoheit. Russische Bilder sollen zeigen, dass die Stadt bereits infiltriert ist, während die Ukraine die Kontrolle betont. Dies erinnert an frühere Kämpfe um Städte, die inzwischen in Vergessenheit geraten sind. In den nächsten Wochen wird sich entscheiden, ob die Ukraine die Stadt halten kann.
Welches strategische Ziel verfolgt die Ukraine mit Drohnenangriffen?
Die Ukraine attackiert Russland täglich mit Hunderten Drohnen. Militärhistoriker Markus Reisner sieht darin ein klares Kalkül: „Das strategische Ziel der Ukraine ist es, die Russen noch vor dem Winter zu einem Waffenstillstand zu zwingen.“ Denn im Winter sei eine neue russische Luftkampagne gegen die ukrainische Infrastruktur zu erwarten. Die Drohnen sollen Ziele tief in Russland treffen und die Krim isolieren. Ob dieser Druck ausreicht, bleibt offen.
Wie wirken Angriffe auf Logistikzentren auf die Zivilbevölkerung?
Die Ukraine griff Warenlager eines Versandhändlers in Russland an, Russland antwortete mit einem Angriff auf einen ukrainischen Logistikkomplex. Reisner betont: „Auf der taktisch-operativen Ebene kommt es kaum zu sichtbaren Veränderungen der Front. Damit bleibt nur die Möglichkeit einer Eskalation auf der strategischen Ebene.“ Die Angriffe verfolgen zwei Ziele: Sie üben Druck auf die Bevölkerung aus, indem sie den Krieg direkt vor die Haustür bringen, und sie treffen logistische Knotenpunkte, die auch militärisch genutzt werden. Dies sei keine reine Propaganda, so Reisner.
Ist die Drohnenkriegsführung die einzige Eskalationsoption?
Reisner fasst zusammen: „Im Prinzip ist diese Drohnenkriegs-Show die einzige Möglichkeit, aufgrund der Pattsituation an der Front eskalierend zu wirken. Das Kalkül beider Seiten ist, den jeweils anderen zum Einlenken zu zwingen.“ Die Situation bleibt angespannt, ohne dass eine Seite entscheidende Geländegewinne erzielt.
FAQ zum Luftkrieg in der Ukraine
Warum greift die Ukraine Ziele in Russland an?
Die Ukraine will strategischen Druck aufbauen, um Russland vor dem Winter zu einem Waffenstillstand zu bewegen. Drohnenangriffe auf Logistikzentren und Infrastruktur sollen die Kriegsführung Russlands stören.
Welche Rolle spielt die Zivilbevölkerung in dieser Eskalation?
Beide Seiten zielen bewusst auf zivile Infrastruktur, um die Bevölkerung zu verunsichern und den Krieg spürbar zu machen. Dies dient der psychologischen Kriegsführung.
Können Drohnenangriffe den Krieg entscheiden?
Nein, sie sind ein Mittel der Eskalation, aber nicht kriegsentscheidend. Entscheidend bleiben die Frontlinien, die derzeit kaum Bewegung zeigen.
Das Gespräch führte Iwan Lieberherr.