Jacqueline Fehr: Rücktritt als Chance für politischen Wandel
Die langjährige Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) hat ihren Verzicht auf eine erneute Kandidatur bei den Wahlen 2027 angekündigt. In einem ausführlichen Interview mit SRF blickt die erfahrene Politikerin auf ihre bewegte Laufbahn zurück und offenbart bemerkenswerte Einsichten über Macht, Niederlagen und politische Führung.
Niederlagen als Lehrmeister
Fehr, die sowohl bei der Bundesratswahl 2010 als auch bei der Wahl zur SP-Fraktionspräsidentin unterlag, zeigt sich selbstkritisch. Besonders die Niederlage um das Fraktionspräsidium habe sie «aus der Bahn geworfen», da sie eine grundlegende Kritik an ihrem politischen Stil nicht wahrgenommen hatte.
«Man sagte mir, ich neige dazu, apodiktisch zu argumentieren, so dass es keinen Raum mehr für eine Gegenposition gibt. Daran arbeite ich bis heute», gesteht Fehr ein. Diese Selbstreflexion zeugt von politischer Reife, die in der heutigen polarisierten Landschaft selten geworden ist.
Frauen in der Politik: Zwischen Ehrgeiz und Erwartungen
Bemerkenswert sind Fehrs Ausführungen zu den spezifischen Herausforderungen von Frauen in der Politik. Der Vorwurf, «zu ehrgeizig und zu berechnend» zu sein, begleite sie ihr ganzes Leben. «Schon als Mädchen war ich zu schnell, zu forsch, einfach nicht passend», reflektiert sie.
Ihre Zusammenarbeit mit Simonetta Sommaruga während der Bundesratswahl 2010 illustriert die besondere Exposition weiblicher Konkurrentinnen. Beide Politikerinnen telefonierten regelmässig, um einen «Zickenkrieg» zu vermeiden, sogar bezüglich ihrer Kleiderwahl.
Demut und Vehemenz: Scheinbare Widersprüche
Fehrs Aussage, der «Weg zur Macht führe über Demut», mag angesichts ihrer kämpferischen Art überraschen. Sie erklärt jedoch: «Demut heisst nicht Sanftmut. Der Respekt vor den Institutionen kann auch heissen, sie mit grosser Vehemenz zu verteidigen.»
Diese Haltung spiegelt sich in ihrer Bezeichnung einer parlamentarischen Kommission als «Gruppe von Besserwissern» wider, was sie als «bewusste Eskalation» verteidigt. Politik sei ein Handwerk, das verschiedene Werkzeuge erfordere, einschliesslich der gezielten Konfrontation.
Neuanfang als Mediatorin
Nach ihrer politischen Laufbahn plant Fehr eine Tätigkeit als Mediatorin. Dieser Wechsel von der Konfrontation zur Vermittlung zeigt ihre Vielseitigkeit und könnte der Schweizer Konfliktlösung neue Impulse geben.
Auf die Frage nach dem bevorstehenden Machtverlust antwortet Fehr überraschend gelassen: «Seit dem Tag, an dem ich meinen Rücktritt angekündigt habe, spüre ich ein ganz tiefes Gefühl von Freiheit.»
Bilanz einer politischen Laufbahn
Fehrs Rückzug markiert das Ende einer bedeutenden politischen Ära im Kanton Zürich. Ihre Bereitschaft zur Selbstkritik und ihr differenzierter Blick auf politische Führung bieten wertvolle Lektionen für die nächste Generation von Politikern.
Der Wechsel von der aktiven Politik zur Mediation könnte symbolisch für einen notwendigen Wandel in der politischen Kultur stehen: weg von der reinen Konfrontation, hin zu konstruktiver Problemlösung.