Der Schweizer Fussballer Samuel Ballet (25) sorgt mit Amedspor für eine Sensation in der türkischen Süper Lig. Der Aufsteiger führt die Tabelle nach sechs Spielen mit 13 Punkten an, vor den etablierten Grössen Besiktas, Galatasaray und Fenerbahce. Ballet, der zuvor für Winterthur, YB und FCZ spielte, wechselte im Sommer von Antalyaspor in den Osten der Türkei und hat dort eine besondere Rolle übernommen.
Ein Höhenflug mit Signalwirkung
Ballet, der sich derzeit in Dubai aufhält, zeigt sich im Gespräch mit Blick.ch überrascht vom eigenen Erfolg: «Es fehlen mir gerade etwas die Worte, um zu erklären, was bei uns abgeht.» Die Euphorie der Fans sei grenzenlos, die Privatsphäre der Spieler entsprechend eingeschränkt. «Kaum verlasse ich mein Zuhause, werde ich überall angehalten», erzählt der Offensivspieler.
Die sportliche Bilanz kann sich sehen lassen: Siege gegen Basaksehir, Trabzonspor und Besiktas haben Amedspor an die Tabellenspitze katapultiert. Ballet relativiert allerdings die Einordnung als klassischer Aufsteiger: «Wir haben investiert, die Mannschaft ist nicht mit einem normalen Aufsteiger zu vergleichen.»
Ein Klub mit besonderer Geschichte
Amedspor ist weit mehr als ein Fussballverein. Er gilt als sportliches Aushängeschild der kurdischen Minderheit in der Türkei. Jahrzehntelang musste der Klub auf Anweisung der Regierung unter dem Namen Diyarbakir Belediyespor antreten, die Verwendung des kurdischen Namens Amed war verboten. Erst 2014 erfolgte die offizielle Umbenennung, die der türkische Fussballverband damals mit einer Busse quittierte.
Die Vereinsfarben Gelb-Rot-Grün werden von der Regierung mit der verbotenen PKK in Verbindung gebracht. Bei Auswärtsspielen war Amedspor wiederholt rassistischen Gesängen und gewalttätigen Angriffen ausgesetzt. Für die Anhänger ist der Klub deshalb ein Symbol für Identität und Geschichte, entsprechend gross ist die Verehrung der Spieler.
«Ich habe in einem Restaurant oder in einem Café noch nie etwas bezahlen müssen. Obwohl ich die Leute noch nie gesehen habe. Sie sprechen viel mit uns. Wir sind ihr ganzer Stolz.»
Diese besondere Verbindung habe auch den Wechsel beeinflusst. «Präsident Nahit Eren hat alles dafür gemacht, um mich zu verpflichten. Das hat Eindruck hinterlassen», so Ballet. Die Fangemeinde ist in den vergangenen Jahren auf über vier Millionen angewachsen, täglich erhält der Schweizer rund zehn Nachrichten von Fans aus der Schweiz und Deutschland.
Persönliche Ambitionen: Schweiz oder Kamerun?
Der Erfolg mit Amedspor könnte auch Ballets Nationalmannschafts-Karriere beflügeln. Der Doppelbürger lief bereits für die Schweizer U18-, U19- und U20-Auswahl auf, auf ein Aufgebot für die A-Nati wartet er noch. Die Schweiz bleibt seine Priorität, doch auch der kamerunische Verband wirbt intensiv um ihn. «Der Verband bemüht sich sehr um mich. Es gab auch schon Gespräche mit Verbandspräsident Samuel Eto'o», erklärt Ballet.
Ausblick: Europa als realistisches Ziel?
Ob der Höhenflug anhält, bleibt offen. Eine Qualifikation für den Europacup wäre für Amedspor bereits ein grosser Erfolg. «Man spürt schon jetzt, dass wir viel anders angesehen werden», sagt Ballet. Die Unterstützung der Fans beschreibt er als aussergewöhnlich: «Die türkischen Stadien sind ja generell sehr laut. Aber das hier ist noch einmal ein Niveau obendrauf. Nur die Klubs aus Istanbul können mithalten.»
Für die Schweizer Fussballbeobachter bleibt die Entwicklung von Samuel Ballet ein interessantes Kapitel. Der gebürtige Berner hat mit seiner Wahl einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, der sportlich wie gesellschaftlich von Bedeutung ist.
