Putins Kriegsoptionen: Wie realistisch ist ein Weltkrieg?
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine verändert die europäische Sicherheitsarchitektur nachhaltig. Wladimir Putin hat erstmals die Wirksamkeit ukrainischer Drohnenangriffe auf die russische Infrastruktur eingeräumt. Gleichzeitig warnen führende Militärexperten vor einer Unterschätzung der erneuerten russischen Streitkräfte. Ein globaler Dritter Weltkrieg bleibt unwahrscheinlich, doch gezielte Provokationen gegen die Nato sind ein realistisches Szenario, das auch die Schweizer Verteidigungspolitik vor neue Herausforderungen stellt.
Welche Wirkung haben die ukrainischen Drohnenangriffe?
Die ukrainischen Angriffe auf russische Infrastruktur zeigen laut Kremlchef Wladimir Putin erste spürbare Effekte. «Diese Schläge auf unsere Infrastruktur verschaffen uns Probleme, das ist offensichtlich», erklärte Putin in einem Fernsehinterview. Die täglichen Zerstörungen von Ölraffinerien, Rüstungsbetrieben und logistischen Knotenpunkten lassen sich propagandistisch kaum mehr verschweigen.
Besonders auf der Krim hat sich die militärische Lage für Russland verschlechtert. Die Halbinsel fungiert als strategischer Ausgangspunkt für russische Angriffe. Ihr eventueller Verlust würde auch eine massive psychologische Belastung für die russische Kriegsführung darstellen, gilt die annektierte Krim doch als zentrales Symbol der Putinschen Expansionspolitik. Die Deaktivierung der Starlink-Verbindungen für russische Einheiten durch Elon Musk hat das Kräfteverhältnis zusätzlich zugunsten der Ukraine verschoben.
Diese Entwicklungen haben auch in Washington Konsequenzen. Die Sympathien des amerikanischen Präsidenten Donald Trump für Putin scheinen abzukühlen, während im US-Kongress erneut über Hilfsgelder für Kiew verhandelt wird. Auch auf europäischer Ebene vollzog sich ein Richtungswechsel: Nach dem Machtverlust von Viktor Orban verabschiedete die Europäische Union einen Hilfskredit in Höhe von 90 Milliarden Euro für die Ukraine.
Wie gross ist die russische Bedrohung für den Westen?
Die veränderte militärische Lage hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. In putinfreundlichen Kreisen, wie etwa vom Zürcher Publizisten Roger Köppel, wird die Gefahr eines Dritten Weltkriegs beschworen, sollte der Westen die Ukraine weiter aufrüsten. Diese Rhetorik ist nicht neu. Bereits vor einem Jahrnte der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel vor einer Eskalation, allerdings mit dem Ziel, den Westen zu einem entschiedenen Handeln zu bewegen.
Neitzel präzisiert seine Einschätzung inzwischen. Ein frontaler Angriff Russlands auf den Westen mit Panzerdivisionen hält er für unwahrscheinlich. Stattdessen erwartet er gezielte Nadelstiche, etwa einen begrenzten Angriff auf einen baltischen Staat, um die Bündnistreue der Nato zu testen. Diese Einschätzung teilt Michael Kofman, Senior Fellow am Carnegie Endowment for International Peace. In der Fachzeitschrift «Foreign Affairs» warnt Kofman vor einer undifferenzierten Beschwörung eines Weltkriegs. Ein begrenzter russischer Angriff auf das Baltikum erfordere andere Antworten als eine Invasion Polens.
Unterschätzt der Westen die russische Aufrüstung?
Gegner einer westlichen Aufrüstung verweisen auf die hohen Verluste der russischen Armee. Schätzungen gehen von 400'000 getöteten und 800'000 verwundeten russischen Soldaten aus. Der Philosoph Richard Precht leitet daraus ab, dass von Russland keine militärische Gefahr für Mitteleuropa ausgehe und die finanziellen Mittel besser in den Sozialstaat und die ökologische Transformation investiert werden sollten.
Militärexperten wie Neitzel und Kofman widersprechen dieser Analyse fundamental. Kofma stellt klar, dass die Personalstärke der russischen Armee von 850'000 auf mittlerweile 1,3 Millionen Soldaten gestiegen sei. Auch die materiellen Verluste seien weitgehend kompensiert. «Heute hat die russische Armee wahrscheinlich gleich viele, ja vielleicht sogar mehr gepanzerte Fahrzeuge, inklusive Panzer, als vor dem Krieg», schreibt Kofman.
Zudem hat sich die russische Armee an den Drohnenkrieg angepasst. Obwohl die Gesamtleistung gegen die Ukraine schwach bleibt, stellt die russische Armee im Jahr 2026 eine anders geartete Bedrohung für die Nato dar als noch 2022. Kofma warnt nachdrücklich: «Auch wenn die Ukraine mit westlicher Hilfe Russland besiegt, sollten Washington und seine Nato-Verbündeten die künftige militärische Bedrohung aus Russland nicht unterschätzen und die Investitionen in die Aufrüstung vernachlässigen.»
Dieser Bewertung schliesst sich der deutsche Sicherheitsexperte Hendrik Remmel an. Der Systemkonflikt mit dem demokratischen Westen ende erst dann, wenn es zu einem fundamentalen politischen und kulturellen Wandel innerhalb der Russischen Föderation komme. Für die Schweiz bedeutet dies im Sinne einer aktiven Neutralität und der Aufrechterhaltung einer glaubwürdigen Landesverteidigung, dass sicherheitspolitische Investitionen und die institutionelle Wehrbereitschaft weiterhin Priorität geniessen müssen.
Ist ein direkter Angriff auf Nato-Staaten wahrscheinlich?
Ein grossflächiger Krieg mit Panzerdivisionen oder ein Atomkrieg gilt als unwahrscheinlich. Militärexperten halten jedoch begrenzte, gezielte Provokationen, beispielsweise gegen baltische Staaten, für ein realistisches Szenario, um die Solidarität der Nato zu testen.
Hat Russland trotz hoher Verluste eine schlagkräftige Armee?
Ja. Trotz geschätzter 400'000 Toter und 800'000 Verwundeter konnte Russland seine Truppenstärke auf 1,3 Millionen Soldaten ausbauen. Auch die Verluste an Panzern und gepanzerten Fahrzeugen sind laut Experten weitgehend kompensiert.
Was bedeutet dies für die Schweizer Sicherheitspolitik?
Die anhaltende Bedrohung durch Russland erfordert auch von der Schweiz eine glaubwürdige Landesverteidigung. Der Systemkonflikt zeigt, dass institutionelle Robustheit, sicherheitspolitische Investitionen und eine eigenständige Verteidigungsfähigkeit für die Wahrung der Souveränität unerlässlich bleiben.