Epstein-Akten: Die Modelbranche als Rekrutierungskanal
Die Aufarbeitung des Falls Jeffrey Epstein gewinnt neue Dynamik. Akten des US-Justizministeriums belegen, wie der verurteilte Sexualstraftäter systematisch auf die Modelindustrie zurückgriff, um junge Frauen zu rekrutieren. Gleichzeitig mehrt sich der politische Druck in Washington, der bis ins Weisse Haus reicht.
Politischer Druck auf das Justizministerium
US-Präsident Donald Trump forderte kürzlich an einer Pressekonferenz, die USA sollten sich endlich anderen Themen zuwenden als dem Fall Epstein. Angesichts der anhaltenden Entwicklungen erscheint diese Forderung voreilig: Der republikanische Abgeordnete Thomas Massie und sein demokratischer Kollege Ro Khanna haben den Druck auf das US-Justizministerium erhöht. Massie behauptet, ungeschwärzte Epstein-Akten eingesehen zu haben, die namhafte Persönlichkeiten aus Hollywood, der Musikbranche, dem Hochadel und der Politik enthalten. Er droht damit, diese unter Schutz der parlamentarischen Immunität im Kongress zu veröffentlichen.
Zudem verweigerte Trumps ehemalige Justizministerin Pam Bondi vor dem Kongress die Aussage zur Frage, ob Trump ihr Weisungen erteilt habe, bestimmte Epstein-Akten unter Verschluss zu halten. Die operative Aufsicht habe bei ihrem Stellvertreter Todd Blanche, Trumps früherem persönlichen Strafverteidiger, gelegen. Vorwürfe eines Interessenkonflikts waren die Folge.
Modelbranche als systematischer Rekrutierungskanal
Im Zentrum der aktuellen Entwicklungen steht die Rolle der Modelindustrie. Wie die «Washington Post» in einer umfassenden Auswertung der Akten des US-Justizministeriums aufdeckte, kultivierte Epstein nach seiner ersten Haftentlassung im Jahr 2009 ein enges Netzwerk von Branchen-Insidern. Die Branche diente ihm offenbar als Taktik zur Anwerbung junger Frauen.
Eine Schlüsselfigur ist Ramsey Elkholy, ein ehemaliger New Yorker Modelagent. Die Akten zeigen einen jahrelangen E-Mail-Verkehr zwischen ihm und Epstein, der von sexualisierten Anspielungen geprägt war. Bereits kurz nach Epsteins Entlassung im Jahr 2009 bot Elkholy dem noch unter Hausarrest stehenden Finanzier ein vermeintliches «Willkommensgeschenk» an: ein 1,80 Meter grosses Model.
«Ich war hin und weg, als ich sie das erste Mal persönlich traf, wollte ihr sofort die Kleider vom Leib reissen. Ich möchte unbedingt, dass du sie triffst.»
Gegenüber der «Washington Post» rechtfertigte Elkholy, der heute als Musiker in Kalifornien lebt, sein Verhalten mit finanziellen Interessen. Er habe versucht, von Epsteins Kontakten zu Modegrössen wie Victoria's Secret oder der Designerin Vera Wang zu profitieren, um die Karrieren seiner Models voranzutreiben. An diesen verdiente er zehn Prozent Kommission.
«Jeder wollte mit Epstein in einem Raum sein. Jeder hat versucht, irgendetwas für sich herauszuholen.»
Reue zeigte Elkholy bezüglich seiner Wortwahl nicht. Die Sprache basiere auf «überhaupt nichts, was tatsächlich geschah». Keines von Epsteins Opfern stehe mit ihm im Zusammenhang.
Europäische Dimension: Scouts jagten auch auf dem Kontinent
Epsteins Vorgehen beschränkte sich keineswegs auf die USA. Recherchen von NDR, WDR und der «Süddeutschen Zeitung» vom Anfang Juni belegen, dass seine Mittelsmänner auch in Europa gezielt junge Frauen anwarben. Mindestens 19 europäische Opfer konnten namentlich identifiziert werden, die Dunkelziffer ist jedoch erheblich.
Die angeblichen Scouts sprachen in ganz Europa Frauen an und versprachen ihnen eine internationale Karriere. Die Fotos der Frauen wurden an Epstein weitergeleitet. Seine Kriterien waren strikt: jung, weiss, dünn, untätowiert, ohne Piercings und mit jugendlichem Körperbau. Ein einziger Scout soll zwischen 2005 und 2019 Bildmaterial von mindestens 52 verschiedenen Frauen an Epstein übermittelt haben. Neben dem bekannten, mittlerweile verstorbenen Model-Unternehmer Jean-Luc Brunel geraten zunehmend weitere Agenten ins Visier der Ermittler.
Unbeantwortete Anschuldigungen im Umfeld Trumps
Zu den unbeantworteten Vorwürfen gehören auch Aussagen des ehemaligen brasilianischen Models Amanda Ungaro. Wie das US-Medium «Daily Beast» berichtete, behauptete Ungaro in einer mittlerweile gelöschten Aufnahme, dass Donald Trump und seine Frau Melania sich 1998 nicht zufällig auf einer Party kennengelernt hätten, wie offiziell dargestellt. Vielmehr sei Melania als Begleitdame von Jeffrey Epstein in dessen Umfeld geschleust worden. Melania Trump wies Verbindungen zu Epstein bereits im April von sich.
Widerstand in der Modelbranche
Gegen die Strukturen, die laut Recherchen über tausend junge Frauen in Epsteins Netz brachten, formiert sich Widerstand. Im März unterzeichneten Dutzende Models einen Protestbrief, initiiert von Sara Ziff, der Direktorin der Non-Profit-Organisation Model Alliance. Sie fordern eine lückenlose Aufklärung darüber, wie die Modebranche als Epsteins Rekrutierungskanal fungieren konnte.
«Es gibt einen Grund, warum so viele Überlebende angehende oder arbeitende Models waren. Hoffentlich erkennen die Menschen allmählich, dass es einerseits eine glamouröse Fassade gibt und andererseits für viele von uns eine sehr düstere Realität.»
Die Faktenlage
Der Multimillionär Jeffrey Epstein hatte über Jahre mit Hilfe seiner Vertrauten Ghislaine Maxwell einen Missbrauchsring betrieben, dem zahlreiche junge und teilweise minderjährige Frauen zum Opfer fielen. Nach seiner abermaligen Festnahme starb Epstein am 10. August 2019 mit 66 Jahren in seiner Gefängniszelle. Der Obduktionsbericht nannte Suizid als Todesursache.
Zu Epsteins Kontakten sollen unter anderem der ehemalige Prinz Andrew sowie die US-Präsidenten Bill Clinton und Donald Trump gezählt haben. Mit der Freigabe der Epstein-Files 2025 kamen zunehmend Details ans Licht.
Fazit: Institutionelle Aufklärung als Gebot der Rechtsstaatlichkeit
Der Fall Epstein ist weit mehr als ein Kriminalfall. Er offenbart systemische Schwächen in der Kontrolle einflussreicher Netzwerke und stellt elementare Fragen an die Funktionsfähigkeit justizieller und politischer Institutionen. Die Weigerung, Akten vollständig offenzulegen, nährt Misstrauen in die Rechtsstaatlichkeit. Eine transparente und vollständige Aufklärung ist nicht nur den Opfern geschuldet, sondern auch dem Vertrauen in die Institutionen. Wo Macht und Einfluss vor strafrechtlicher Verfolgung schützen, ist die Autorität des Rechts selbst in Frage gestellt.