Zwei Jahre nach Muriel Furrers Tod: Der Sicherheitsstreit im Radsport eskaliert
Am Sonntag in einer Woche jährt sich der Tod der Schweizer Juniorin Muriel Furrer zum zweiten Mal. Kurz zuvor will der Rad-Weltverband UCI bei allen grossen Rennen verpflichtende GPS-Sender einführen. Doch dieser Schritt hat einen heftigen Streit zwischen Teams und Verband ausgelöst. Und er löst das eigentliche Problem nicht: die Sicherheit der Strecken.
Was geschah am Tag von Muriel Furrers Tod?
Am 26. September 2024 stürzte die 18-jährige Furrer während des Strassenrennens an der WM in Zürich in einer Abfahrt schwer. Niemand sah den Sturz, ihr Fehlen wurde zunächst nicht bemerkt. Erst anderthalb Stunden später wurde sie in einem Waldstück gefunden. Einen Tag später erklärten die Ärzte sie für tot. Die Bilder der Gedenkfeier am Zürichsee sind bis heute unvergessen.
Warum die GPS-Pflicht für neuen Zündstoff sorgt
Am kommenden Mittwoch will die UCI in Montreal die GPS-Sender für alle Fahrer und Fahrerinnen bei allen Profirennen verpflichtend machen. Formal gilt das als Formsache, doch ein gemeinsamer Vorschlag von Verband, Teams und Veranstaltern liegt nicht vor. Viele Teams sprechen von einem Diktat. Bereits im Vorjahr eskalierte der Konflikt: Bei der Tour de Romandie der Frauen verlangte die UCI, dass jede Equipe testweise einen Sender mitführe. Fünf Teams verweigerten die Teilnahme und wurden vom Rennen ausgeschlossen. UCI-Präsident David Lappartient sagte damals: „Ich lasse mich beim Thema Sicherheit nicht erpressen.“
GPS-Sender allein lösen das Problem nicht
Ein Sturz wie jener von Furrer hätte sich auch mit GPS-Sender ereignet. Die Schweizerin wäre zwar schneller gefunden worden, doch ob sie heute noch leben würde, weiss niemand. Teamchef Ronny Lauke von Canyon-Sram bringt es auf den Punkt: „Es ist gut, dass es die Tracker gibt. Aber das Problem ist damit nicht gelöst.“ Die eigentliche Gefahr liege in der Streckensicherheit, nicht im Live-Tracking.
Weitere Todesfälle und Beinahe-Unfälle schüren Kritik
Erst Mitte August starb der 19-jährige Engländer Finlay Tarling, als ein Van bei der Portugal-Rundfahrt auf die abgesperrte Strecke fuhr. Drei Wochen später verhinderte der deutsche Profi Louis Leidert bei der Sauerland-Rundfahrt nur knapp einen Frontalzusammenstoss. Ex-Profi Fabian Wegmann, Streckenchef der Deutschland-Tour, sagt: „Wir sperren das Rennen von vorne bis hinten, aber wir können nicht jede Garagenausfahrt absperren. Es kann immer ein Auto links abbiegen.“
Funk-Verbot an der WM stösst auf Unverständnis
Besonders irritierend ist das Funk-Verbot an der WM. Richard Plugge, Teamchef von Tour-Sieger Jonas Vingegaard, kritisiert: „Das ist so gestrig, dabei sollte die WM doch das Beispiel für Innovationen sein.“ Die bittere Ironie: Die GPS-Tracker lösen zwar einen Alarm im Kontrollraum aus, doch die Fahrer können nicht gewarnt werden, wenn vor ihnen ein Sturz passiert.
SafeR-Projekt: Sicherheitsinitiative ohne sichtbare Wirkung
Das 2023 gestartete SafeR-Projekt sollte unabhängig Sturzursachen analysieren. Doch im Februar dieses Jahres stimmten UCI, Fahrer und Organisatoren dafür, 300'000 Euro aus dem SafeR-Budget für einen Rechtsstreit des Verbandes mit einem Komponentenhersteller zu verwenden. Die Teams waren dagegen, da sie teilweise gegen eigene Sponsoren hätten klagen müssen. Im Peloton wächst die Skepsis: SafeR liefere zwar Daten, doch die Unfallrate ändere sich nicht. Nach dem Sturz von Urska Zigart, der Verlobten von Tadej Pogacar, forderte die Fahrerinnen-Vereinigung mehr Effektivität.
Helme, Airbags und Gangbeschränkungen: weitere Baustellen
Neben der Streckensicherung gibt es weitere Diskussionen. Adam Hansen, Chef der Fahrervereinigung, fordert strengere Helmstandards: „Das reicht für den Strassenradsport nicht aus. Hier benötigen wir ein grosses Upgrade.“ Airbags werden getestet, doch viele Fahrer würden sie nur tragen, wenn sie verpflichtend sind. Ein Vorstoss der UCI, die Übersetzung der Gänge zu beschränken, scheiterte vor Gericht.
Fazit: Sicherheit braucht mehr als Technik
Der Tod von Muriel Furrer hat eine Debatte angestossen, die weit über GPS-Sender hinausgeht. Die Schweiz, die sich gerne als Pionierland der Sicherheit sieht, sollte ein Interesse daran haben, dass der Radsport nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch aufgerüstet wird. Die UCI ist gefordert, mit Teams und Fahrern an einem Strang zu ziehen, statt Konflikte vor Gericht auszutragen. Nur so lässt sich das Vertrauen in den Sport und die Sicherheit der Athleten nachhaltig stärken.