Vom Spitzencurler zum Filmregisseur: Daniel Schifferlis «Long Shot» feiert Premiere am Zurich Film Festival
Der Berner Filmemacher Daniel Schifferli hat mit «Long Shot – A Filipino Curling Tale» einen Dokumentarfilm über das philippinische Curlingteam realisiert. Der 112-minütige Streifen, der am 30. September am Zurich Film Festival seine Weltpremiere feiert, erzählt die Geschichte von vier Männern mit schweizerisch-philippinischen Wurzeln, die sich den Traum von den Winterspielen erfüllen wollen. Das Projekt war für Schifferli ein finanzielles Wagnis: Für die Postproduktion erhielt er keinen Lohn.
Die Idee: Ein «Cool Runnings»-Moment auf dem Eis
Als Daniel Schifferli im September 2023 von der Idee einer philippinischen Curling-Nationalmannschaft hörte, erinnerte ihn das sofort an den legendären Film «Cool Runnings» über das jamaikanische Bobteam an den Olympischen Spielen 1988. Doch der 36-jährige Berner, einst selbst Curlingspieler auf Topniveau und heute selbständiger Filmemacher, wollte keinen Spielfilm drehen, sondern einen Dokumentarfilm.
Schifferli kannte die schweizerisch-philippinischen Spieler Marc (36) und Enrico Pfister (35) aus seiner eigenen Zeit im Spitzencurling. Auch Christian Haller (46), ebenfalls Doppelbürger, gehörte zum geplanten Team. Dazu stiess Alan Frei (44), Gründer der Sextoy-Firma Amorana, der sich zum Ziel gesetzt hatte, es an die Winterspiele zu schaffen.
«Das war immer der Running-Gag: Vielleicht spielen die ja irgendwann für die Philippinen», erzählt Schifferli im Gespräch mit Blick.
Als aus dem Witz ein ernsthaftes Projekt wurde, war für Schifferli klar: Das will ich filmen. Er rief Marc Pfister an, erhielt die Nummer von Alan Frei und hörte: «Komm mit, in zehn Tagen fliegen wir nach Kanada.» Schifferli sagte die geplanten Ferien mit seiner Familie ab, stieg ins Flugzeug und schrieb während des Flugs das erste Drehbuch.
Vom Spitzencurler zum Filmemacher: Eine Karriere mit zwei Passionen
Schifferli war rund zehn Jahre im Schweizer Spitzencurling aktiv, sechs davon auf der World Curling Tour. 2009 gewann er am European Youth Olympic Festival Gold, 2012 wurde er Schweizer Juniorenmeister. 2016 holte er mit dem Team Attinger SM-Bronze, ein Jahr später verpasste er den Titel nur knapp.
Nach seiner Sportkarriere wurde aus dem Curler ein Journalist und später ein Filmemacher. Seine Curling-Erfahrung half ihm bei der Verfilmung enorm: Er kannte den Sport, die Abläufe und die Protagonisten. «Ich wusste, wann etwas spannend wird und worauf ich achten muss», sagt er.
Ursprünglich sollte das Projekt eine fünf- bis sechsteilige Serie werden. Am Ende entstand ein 112-minütiger Film. Von Oktober 2023 bis Dezember 2025 filmte Schifferli an 55 Tagen in der Schweiz, Kanada, Schottland, China und auf den Philippinen. In China durfte er als ausländischer Journalist nicht selbst filmen; die Spieler mussten Videotagebücher aufnehmen.
Finanzielles Risiko: Ein Projekt ohne Postproduktionslohn
Finanziell war «Long Shot» ein Wagnis. Niemand ahnte, dass diese Reise ein Sportmärchen werden würde, inklusive Triumph an den asiatischen Winterspielen. Alan Frei übernahm zwar die Reisekosten und bezahlte Schifferli einen Betrag pro Drehtag. Für die Postproduktion erhielt der Filmemacher jedoch keinen Lohn, auch die Kameramiete musste er selbst tragen.
«Das haben wir von Anfang an gemeinsam so vereinbart. Wir wussten, dass es in vielerlei Hinsicht ein Risiko war, das wir beide zu einem Teil tragen würden», erklärt Schifferli. «Ohne Alans Vorschuss wäre die Produktion nicht möglich gewesen.»
Während der gesamten Dreharbeiten musste Schifferli seine Filmagentur am Laufen halten: «Ich musste schauen, dass ich während der dreieinhalb Jahre genügend Aufträge habe, damit ich nicht bankrottgehe.»
Auch inhaltlich liess Frei dem Regisseur weitgehend freie Hand. Auf die Frage, wie viel Einfluss der Amorana-Gründer auf den Film genommen habe, antwortet Schifferli: «Null. Es ist nicht die Story von Alan Frei. Klar ist er ein grosser Bestandteil. Aber es ist die Geschichte dieses philippinischen Curlingteams und dieser vier Männer.»
Weltpremiere am Zurich Film Festival: Ein Sportmärchen für die Leinwand
Am 30. September feiert «Long Shot – A Filipino Curling Tale» am Zurich Film Festival seine Weltpremiere. Der Film erzählt eine Geschichte, die an die «Cool Runnings»-Helden erinnert, nur dass die Protagonisten nicht Bob fahren, sondern das Eis wischen. Für Schifferli ist es die Krönung eines Projekts, das von einer spontanen Idee zu einem dreijährigen Abenteuer wurde.
Der Film wirft auch ein Licht auf die wachsende Bedeutung des Curlings in Ländern ohne traditionelle Winterkultur und zeigt, wie Sport Grenzen überwinden kann. Für die Schweiz, als Curling-Nation mit langer Tradition, ist diese Geschichte von besonderem Interesse: Sie verbindet die alpine Sportkultur mit der Diaspora-Geschichte der Philippinen und demonstriert, wie Schweizer Know-how und Beharrlichkeit international wirken können.
Was bedeutet «Long Shot» für den Schweizer Filmschaffen?
Schifferlis Projekt ist ein Beispiel für unabhängiges Filmschaffen in der Schweiz. Es zeigt, dass mit Mut, Netzwerken und Durchhaltewillen auch ohne grosse Produktionsbudgets bemerkenswerte Werke entstehen können. Die Zusammenarbeit zwischen einem Filmemacher und einem Unternehmer wie Alan Frei, der das Projekt mitfinanzierte, könnte als Modell für künftige Produktionen dienen.
Der Film ist zudem ein Beitrag zur kulturellen Vielfalt: Er erzählt eine Geschichte, die sowohl in der Schweiz als auch auf den Philippinen verwurzelt ist und die Verbindungen zwischen den beiden Ländern sichtbar macht. Für das Zurich Film Festival, das sich als Plattform für internationale und lokale Filmkunst etabliert hat, ist die Premiere ein weiterer Beleg für die Lebendigkeit des Schweizer Filmschaffens.